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Bischof VON MAGDEBURG
Prof. dr. gerhard feige

Die Väter der Kirche – eine ökumenische Herausforderung?

 

Vortrag in der Griechisch-Orthodoxen Metropolie in Bonn am 12.06. 2006

 anlässlich des Namenstages des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I.

= Kurzfassung eines Artikels, der unter demselben Titel veröffentlicht ist in:

Unterwegs zum einen Glauben. FS für Lothar Ullrich (EThSt 74), Leipzig 1997, 430–447.

 

Hin und wieder ist der Ruf zu hören, man solle sich doch stärker auf das Erbe der alten Kirchenväter zurückbesinnen. Theologen verschiedener Kirchen sehen darin eine hervorragende Möglichkeit, zu mehr Lebendigkeit zu kommen und die ersehnte Einheit der Christen entscheidend voranzubringen. Da diese Väter – so wird argumentiert – einer Zeit angehörten, in der die Christenheit noch weithin eins war, könnten sie heute nicht von irgendeiner Kirche allein beansprucht werden; sie seien vielmehr der gemeinsame Schatz sowohl von Katholiken und Orthodoxen, als auch von Protestanten und Anglikanern. Das gelte es zu erkennen und ökumenisch fruchtbar zu machen.[1]

Daneben gibt es jedoch auch Theologen, die eine ökumenische Aktualität der Kirchenväter aus verschiedenen Gründen bezweifeln: Zum einen sei es historisch fragwürdig, die Einheit der Kir-che in den ersten Jahrhunderten zu sehr zu idealisieren und nicht die schon damals eintretenden Entfremdungen und Spaltungen zu beachten; zum anderen würde eine inhaltliche Umschreibung der Gemeinsamkeit dieser Phase mit konfessionell recht unterschiedlichen Wertungen verbunden sein, und schließlich hätte man sich im konfessionellen Streit bislang nicht selten der Väter bedient, um die eigene Position zu untermauern.[2] Hinzu kommt außerdem noch, daß sich in un-serer Zeit ein neues Bewußtsein breitmacht, das sich mehr der Gegenwart und Zukunft ver-schreibt und von einer Orientierung an authentischen Quellen der Vergangenheit nur noch wenig oder gar nichts mehr hält.[3]

Hat es im ökumenischen Dialog also Sinn, den Vätern der Kirche eine größere Beachtung zu schenken? Die gegensätzlichen Standpunkte dazu verlocken zu einer kritischen Überprüfung. Dabei soll vor allem drei Fragen nachgegangen werden: Wie hat man sich in der Alten Kirche auf die Väter berufen? Welche Rolle spielt die patristische Tradition in den größten voneinander getrennten Kirchen? Was und in welcher Weise könnten die Väter zur Einheit der Christen bei-tragen?

 

1. Die altkirchliche Berufung auf die Väter

Die Anfänge patristischer Rückversicherung sind wohl im späteren 2. Jahrhundert zu suchen. Das Empfinden, nicht mehr der schöpferischen Anfangsphase anzugehören, und das Bedürfnis, den christlichen Glauben gegenüber abweichenden Neuerungen verteidigen und präzisieren zu müssen, führte methodisch dazu, sich immer mehr auf die Überlieferung der Vorgänger zu stützen.

Zu einem festeren Begriff wurde die Bezeichnung "Väter" vor allem in Verbindung mit dem er-sten ökumenischen Konzil von Nizäa 325, das der Nachwelt schon bald als "Konzil der 318 Väter" in Erinnerung blieb.[4] Ihnen und dem durch sie bekannten apostolischen Glauben zu folgen und nichts Neues und Menschliches zu ersinnen, erlangte einige Zeit später in gewissen Kreisen schon programmatischen Charakter.[5] In den christologischen Auseinandersetzungen des 5. Jahrhunderts wurde daraus Prinzip und Methode. Nunmehr reichte es nicht mehr aus, allein mit der Schrift oder zusätzlich einem Taufbekenntnis bzw. dem Nizänum zu argumentieren; Väterzitate mußten hinzukommen, um einer Interpretation Ansehen und Einfluß zu verleihen.

Wer oder was jedoch genau die Väter sind, auf die man sich beruft oder deren Vorstellungen unbewußt übernommen werden, und in welchem Verhältnis ihre Autorität bzw. Inspiration zu der der Heiligen Schrift steht, bleibt weithin verschwommen. Deutlich wird aber, daß mehrheitlich vertretene und sich durchsetzende Lehren – besonders die der Konzilien – einen größeren Wert darstellen und verbindlicher sind als einzelne Vätermeinungen.

Dabei müssen die Väter nicht nur herhalten, um zitiert zu werden; die Beschwörung ihres Geistes hat auch den Zweck, neuen Formulierungen alter Wahrheiten zur Anerkennung zu verhelfen. Andererseits legt sich der Eindruck nahe, daß seit dem 5. Jahrhundert der Abnahme theologischer Kreativität eine Zunahme der Funktionalisierung und Manipulation im Gebrauch von Väterzeugnissen korrespondierte. Offensichtlich führte die Angst der Kirche vor Häresien dazu, in der Traditionsverbundenheit so weit zu gehen, daß man zunehmend fast nur noch von den Vätern der Vergangenheit lebte und diese so oft wie möglich als Garanten der Rechtgläubigkeit zitierte.

 

2. Das unterschiedliche Verhältnis der Kirchen zu den Vätern

Heutige konfessionelle Theologie verdankt sich weithin anderen Vätern als denen der noch un-geteilten Christenheit der ersten Jahrhunderte. Autoritäten späterer Zeiten üben oftmals einen viel größeren Einfluß aus, und fast jede Kirche hat ihre eigenen, mit denen sie die Heilige Schrift interpretiert und deren Lehren sie folgt. Für die katholische Theologie galt lange Zeit vor allem Thomas von Aquin als der eigentliche geistige Vater, und evangelischerseits sind es die Refor-matoren, die nach wie vor in diesem Ansehen stehen.[6] Aber auch in der Orthodoxie gab es Pha-sen, in denen das patristische Erbe der Frühzeit an Bedeutung verlor und neuere Theologen prä-gender wurden. Trotzdem sind die alten Kirchenväter nicht unbedingt in Vergessenheit geraten. Ihre Beachtung und Funktion stellt sich in den einzelnen Kirchen jedoch recht unterschiedlich dar.

 

a) Die katholische Position

Seit dem 16. Jahrhundert setzte es sich im Abendland durch, für einen "Kirchenvater" folgende vier Kriterien anzulegen: Er muß in der rechtgläubigen Lehrgemeinschaft stehen (doctrina orthodoxa), ein heiligmäßiges Leben führen (sanctitas vitae), durch die Kirche wenigstens indirekt anerkannt sein (approbatio ecclesiae) und dem christlichen Altertum angehören (antiquitas).[7] Gegen diese Umschreibung erheben sich heutzutage freilich gravierende Bedenken. Fragwürdig ist vor allem, wenn an frühere Väter, die zu ihrer Zeit kirchliches Ansehen genossen, in anachronistischer Weise Maßstäbe einer späteren Rechtgläubigkeit angelegt werden und diesen nachträglich gewissermaßen wieder die Qualität eines Kirchenvaters aberkannt wird. Das markanteste Beispiel dafür ist wohl Origenes.

Umstritten ist auch, wann man das Altertum enden lassen soll. Während es bislang üblich war, Isidor von Sevilla im 7. Jahrhundert als letzten westlichen und Johannes von Damaskus im 8. Jahrhundert als letzten östlichen Kirchenvater anzusehen, gibt es neuere Vorschläge, die Grenze der patristischen Zeit entweder schon nach dem Konzil von Chalkedon 451 oder aber erst nach dem Ausbruch des west-östlichen Schismas 1054 zu ziehen. Mit dem Bruch christlicher Einheit komme nämlich die Zeit wirklicher – d.h. "ökumenischer" – Väter an ein Ende. Aber auch trotz solcher und anderer – zwischen beiden Extremen vermittelnden - Erwägungen ist der alte katholische Kirchenväterbegriff formal nicht mehr zu halten; einen neueren gibt es jedoch noch nicht.

Ein weiterer Titel, der hier genannt werden muß, ist der des "Kirchenlehrers".[8] Er kommt seit dem frühen Mittelalter auf, wird ausdrücklich von der Kirche verliehen und ist für Theologen – nicht nur des Altertums – bestimmt, bei denen sich wissenschaftlich hervorragende Leistungen mit einem heiligmäßigen Lebenswandel verbinden. Mit ihm wurde der Begriff "Kirchenvater" gewissermaßen weitergeführt und überhöht. Als die bedeutendsten Kirchenlehrer gelten im Abendland seit dem 8. Jahrhundert die lateinischen Kirchenväter Ambrosius, Augustinus, Hieronymus und Gregor der Große.

Nach mancher Relativierung ließen Humanismus, Renaissance und Reformation die alten Väter insgesamt wieder bedeutsamer werden. Auch katholischerseits griff man in den aufkommenden konfessionellen Auseinandersetzungen auf sie zurück und entwickelte eine eigenständige "theologia patristica", die der Dogmatik jedoch weitgehend nur Argumentationsmaterial zu liefern hatte.[9]

Ein neuer Umgang mit den Vätern bahnte sich in der katholischen Theologie erst im 19. Jahrhundert an. Dabei wurde eine starre und naive Identifizierung neuzeitlicher mit patristischer Theologie verworfen. Eine Beziehung zu den Vätern – so z.B. die Erkenntnis Newmans – könne nur in geschichtlich gebrochener Weise aufgenommen werden, und eine Identität sei bei aller Entwicklung nur in der Kontinuität geistiger Grundentscheidungen auszumachen.[10] Dieses geschichtliche Denken konnte sich im katholischen Raum jedoch erst im 20. Jahrhundert langsam Geltung verschaffen. Verschiedene Erneuerungsbewegungen der Theologie lenkten den Blick wieder auf die Quellen – d.h. die Heilige Schrift und die Väter.

Diese Väterrenaissance hat dann vor allem auch in den Texten und der Terminologie des II. Vaticanums ihren Niederschlag gefunden.[11] Auch im 1992 päpstlich approbierten Weltkatechismus zeigt sich, dass Rom den Zeugen der Tradition nach wie vor ein großes Gewicht beimisst. Die Zitate und Zitatmontagen kirchlicher Schriftsteller werden darin jedoch recht unkritisch und geschichtslos eingesetzt; sie räumen außerdem den alten Vätern und Konzilien nur einen quantitativ begrenzten Anteil ein und erscheinen – vor allem aus orthodoxer Sicht – als zu wenig ausgewogen.[12] Letztlich zeigt sich auch hier, was in der modernen katholischen Theologie schon seit längerem fast selbstverständlich ist: Den alten Vätern wird auf dem Feld der kirchlichen Tradition nur noch ein Platz unter anderen eingeräumt; die lange Zeit unlösbar scheinende Verbindung zwischen ihrer Theologie und dem Traditionsbegriff ist weitgehend zerbrochen.[13]

 

b) Die orthodoxe Position

Keine andere Kirche sieht sich so stark in der Tradition der Väter und ihr verpflichtet wie die or-thodoxe.[14] Selbstbewußt ist sie sogar davon überzeugt, die Kirche der heiligen Väter zu sein.

Im Gegensatz zur westlichen Praxis ist es im Osten nicht üblich geworden, Kirchenväter an for-mellen Kriterien zu messen oder offiziell als solche zu approbieren. Ausschlaggebend ist viel-mehr, daß sie aufgrund ihrer "Katholizität" Anerkennung gefunden haben und als rechtgläubige Autoritäten im Bewußtsein der Kirche geblieben sind.

Eine weitere östliche Eigenart besteht darin, daß eine zeitliche Begrenzung der patristischen Tra-dition auf die ersten sieben oder acht Jahrhunderte größtenteils abgelehnt wird. Darin beweise sich gerade die Lebendigkeit der orthodoxen Kirche.

Eine solche Ausweitung über das Altertum hinaus ist auch katholischerseits nicht völlig ungewöhnlich, bezieht sich aber dort nur auf die ausdrücklich ernannten Kirchenlehrer. Letztlich müssen sich nach orthodoxer Auffassung alle späteren Väter aber auch am Glauben der Väter messen lassen, die der noch relativ einigen Kirche des ersten Jahrtausends angehört haben und darum für Ost wie West bedeutsam sind. Damit wird den gemeinsamen alten Vätern doch wieder eine größere Bedeutung zugestanden als neueren. Wenn man aus dieser Epoche auch lateinische Väter akzeptiert und sogar verehrt, so gebührt den griechischen Theologen doch eindeutig der Vorzug.

Die antiken Väter sind es, die die Tradition hauptsächlich entfaltet haben – gewissermaßen deren Zentralbereich – und die in enger Verbindung zur Heiligen Schrift stehen. Entgegen der Möglichkeit, Schrift und Tradition vielleicht als zwei Quellen der Offenbarung aufzufassen, be-tont man orthodoxerseits deren Einheit und sieht in der Kirche den "Ort, wo die Schrift im Schoß der Tradition lebt", so daß die Schrift als "geschriebene Überlieferung" und die Tradition als "ungeschriebene Bibel" bezeichnet werden könne.[15] Darum sei es zum rechten Verständnis der Bibel noch heute unverzichtbar, die Auslegung der Väter – nicht unbedingt buchstabengetreu, wohl aber der kirchlichen Gesinnung nach – zu beachten.[16]

Freilich ist den Vätern nicht in jeder Phase orthodoxer Kirchen- und Theologiegeschichte eine so große Bedeutung beigemessen worden. Oft wurden sie nicht richtig verstanden und nur kopiert. Es gab auch Zeiten, wo sie in Vergessenheit gerieten und scholastische oder rationalistische Denkweisen des Westens einen stärkeren Einfluß gewannen. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich jedoch wieder eine Rückbesinnung auf die Vätertheologie angebahnt; von einem Durchbruch kann man aber erst im 20. Jahrhundert sprechen. Ihn verdankt die Orthodoxie vor allem Theologen der russischen Emigration wie Georgij Florovskij (geb. 1893), Vladimir Losskij (geb. 1903), Olivier Clément (geb. 1921), John Meyendorff (geb. 1926) und Alexander Schmemann (geb. 1921).[17]

Gelegentlich wird den Orthodoxen ein zu unkritischer Umgang mit den Vätern vorgehalten: Ge-schichtslos und tendenziös würden sie aus dem Zusammenhang gelöste Zitate ins Feld führen und Äußerungen eines einzelnen Vaters zuweilen zur allgemeinen Väterlehre hochspielen.[18] Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen; es gibt jedoch auch gegenteilige Zeugnisse, die ein diffe-renzierteres Verhältnis zu den Vätern belegen oder wünschten. Wichtigkeit hätten jedoch Überzeugungen, die sowohl eine diachrone als auch eine synchrone Koinonia aufweisen, d.h. die mit der Lehre vorausgegangener und gleichzeitiger Väter übereinstimmen. Höchster Ausdruck dafür seien die Konzilien.

 

c) Die evangelische Position

"Wenn protestantisches Prinzip sich in der kritischen Verunsicherung bestätigt und vollzieht -…“ – so fragt der evangelische Theologe Ekkehard Mühlenberg –  „was sollen wir dann mit ... Kirchenvätern anfangen?"[19] Doch als Beispiel dafür, daß man im Luthertum auch ein ganz anderes Bewußtsein haben kann, mag auf einen Bildzyklus von Vätern hingewiesen sein, der im Hohen Chor der Braunschweiger Brüdernkirche zu finden ist und am Anfang des 17. Jahrhunderts von evangelisch-lutherischen Bürgern gestiftet wurde. Seine Darstellungen erstrecken sich – angefangen mit Ignatius von Antiochien – über die bekanntesten Kirchenväter – auch bedeutende Päpste – des Altertums und einige mittelalterliche Theologen bis hin zu den Reformatoren.[20] Ob die altkirchliche Tradition auch zum Erbe des Protestantismus gehört, steht hier außer Zweifel, wird sonst aber evangelischerseits seit der Reformation bis zum heutigen Tag nicht klar beantwortet. In jüngster Zeit ist dies von einigen wenigstens als Problem erkannt und zum Gegenstand von Studien gemacht worden.[21]

Luther selbst kam aus einer Tradition, in der die Schriften altkirchlicher Väter – vor allem die des Augustinus – präsent waren. Wie er sagt und seine eigenen Zeugnisse bestätigen, hat er sich mit diesen sogar eifriger beschäftigt als seine Gegner.[22] Zeit seines Lebens ist ihm dabei Augustinus am liebsten geblieben; zum rechten Verständnis der Bibel hat er aber auch Ambrosius und Hieronymus konsultiert. Griechische Väter scheint er kaum gekannt zu haben, und dann höchstens in lateinischen Übersetzungen. Auffällig ist, daß Luther sehr individuell mit den Vätern umgeht und sie nicht einfach als formale oder einheitliche Autorität akzeptiert. Ihren jeweiligen Wert mißt er vielmehr daran, in welchem Verhältnis sie zur Heiligen Schrift – und letztlich zur paulinischen Theologie – stehen.[23] Die Heilige Schrift ist für ihn die einzige unfehlbare Quelle der Wahrheit und damit oberste Norm. Dennoch schätzt er gleich an zweiter Stelle die Väter aufgrund ihrer Nähe zu den christlichen Ursprüngen und ihres lebendigen Glaubens als eindrucksvolle Gesprächspartner und "Alternative zur metaphysischen und spekulativen Theologie der Scholastik"[24]. Deshalb sind die altkirchlichen Konzilien für ihn auch viel bedeutsamer als die des Mittelalters. Kein Wunder also, daß Luther sich in den aufkommenden theologischen Auseinandersetzungen immer wieder auch der patristischen Tradition bediente, um die Übereinstimmung seiner Lehre mit dem Evangelium zu erhärten.[25] Die Gegenseite machte es nicht anders, und so wurde der Väterbeweis zu einer wichtigen Waffe beider "Religionsparteien".

In der lutherischen Orthodoxie zitierte man in der Folgezeit einige Kirchenväter sogar häufiger als die Reformatoren und zeitgenössische Theologen. Da sonst aber bewußt das abgelehnt wurde, was tridentinisch als Tradition galt, sollte hierdurch der Eindruck vermittelt werden, nicht etwa eine Neuerung, sondern die legitime Fortsetzung der altkirchlichen Tradition zu sein.[26]

Aus dem Interesse an den Vätern erwuchs schon bald eine eigene theologische Disziplin: die Pa-tristik oder Patrologie. Infolge der Aufklärung und historisch-kritischen Denkens verlor sie pro-testantischerseits seit dem 19. Jahrhundert jedoch ihren theologischen Bezug und nahm eher den Charakter einer liberalen Dogmen- bzw. Literaturgeschichte an.[27] Diese Entwicklung ist noch heute prägend und hat letztlich dazu geführt, Kontinuität nicht mehr nachweisen zu wollen und darum auf patristische Rückgriffe verzichten zu können. Gelegentlich hat aber das ökumenische Gespräch – vor allem mit den orthodoxen Kirchen – wieder dazu geführt, die altkirchlichen Wurzeln der eigenen Theologie zu bedenken und sich dabei auch der Kirchenväter zu erinnern.[28]

 

3. Die Bedeutung der Väter für die Einheit der Christen

Wie deutlich geworden sein dürfte, erscheint es in der Tat erst einmal als äußerst problematisch, den Kirchenvätern zu vorschnell und leichtfertig eine besondere ökumenische Aktualität beizu-messen. Schwierig ist schon, daß es keinen wirklich klaren Väterbegriff gibt, der allseits akzep-tiert würde, geschweige denn eine gemeinsame Auffassung darüber, ob bzw. wie man ihre Zeit begrenzt. Hinzu kommt, daß bei einer Festlegung auf die ersten christlichen Jahrhunderte heute sofort davor gewarnt wird, diese Epoche ekklesiologisch zu idealisieren und als verpflichtendes Vorbild hinzustellen. Unterschiedlich ist auch, in welchem Verhältnis die Väter zur Heiligen Schrift gesehen werden bzw. welche Rolle der Tradition überhaupt in den einzelnen Kirchen zu-kommt. Da verschiedene andere Kirchen und kirchliche Gemeinschaften noch viel stärker oder ganz mit der altchristlichen Tradition gebrochen haben, kann man sich darüber kaum eine multi-laterale Verständigung vorstellen. Außerdem wirkt ernüchternd oder belastend, daß Väterzeug-nisse in der Vergangenheit vielfach nur dazu dienten, die eigene Meinung oder Position als all-gemeingültig und traditionell erscheinen zu lassen, um Andersdenkende besser bekämpfen zu können. Den Mißbrauch, Zitate ideologisch einzusetzen oder sich hinter der Behauptung zu ver-schanzen, nur reine Vätertheologie zu vertreten, gibt es noch heute. Aber auch da, wo man den Vätern weitreichender gefolgt ist, wurden nicht selten einzelne oder bestimmte Richtungen bevorzugt.

Während abendländisches Denken sehr stark durch Augustinus und andere lateinische Theologen geprägt ist, hält sich die Orthodoxie fast ausschließlich an die östlichen Väter. Eine Folge davon ist z.B. die unterschiedliche Haltung der katholischen und der orthodoxen Kirche gegenüber Scheidung und Wiederheirat. Jede Seite beruft sich auf die altkirchliche Überlieferung, hat aber jeweils nur einen Teil davon – entweder die Zeugnisse für eine strenge oder die für eine milde Praxis – rezipiert.[29]

Ein weiteres Beispiel wäre auch noch die Meinungsverschiedenheit zwischen Ost und West über den Hervorgang des Heiligen Geistes, die sich mit dem Begriff "filioque" verbindet. Beide Konzeptionen können auf altkirchliche Gewährsmänner zurückgreifen. Auf dem Konzil von Ferrara-Florenz 1438/39 war man sogar schon zu der Einsicht gekommen, daß es sich, wenn beide Lehren durch Väterstellen belegt seien, um ergänzende Positionen handeln müsse;[30] dies scheint dann jedoch wieder in Vergessenheit geraten zu sein.

Angesichts solcher enttäuschender Beobachtungen drängt sich zunächst die grundsätzliche Frage auf, warum das Erbe der alten Väter denn so wichtig sei, daß man es ökumenisch mehr beachten sollte. Gibt es etwas, was diese Theologengeneration vielleicht vor allen anderen auszeichnet? Nach Joseph Ratzinger könnte man die unwiederholbare Bedeutung der antiken Kirchenväter vor allem darin sehen, daß sie die "Erst-Antwort" auf das geoffenbarte Wort Gottes darstellen. Als grundlegende Beiträge dieser patristischen "Erst-Antwort" werden vier genannt: Zum einen ist den Vätern die Konstituierung des biblischen Kanons zu verdanken. Ein zweiter Beitrag der Väter besteht in der Selbstvergewisserung und Verteidigung des christlichen Glaubens durch die Formulierung grundlegender Bekenntnisse. Auch die Liturgie – und das wäre die dritte Konkretion – hat in dieser Epoche ihre maßgebliche Prägung erfahren. Schließlich ist es ebenfalls Verdienst der Väter, die grundsätzliche Entscheidung getroffen zu haben, den Glauben in Konkurrenz zu anderen Philosophien rational zu verantworten. Damit konnte sich das entwickeln, was wir noch heute als Theologie verstehen.[31]

Aufgrund der prägenden Kraft, die doch weithin – wenn auch nicht kritiklos – den Vätern der ersten Jahrhunderte zugestanden wird, sollen unsere Überlegungen auf diese beschränkt bleiben. Dabei erscheint vor allem als bedeutsam, daß sie bis mindestens ins 5. Jahrhundert einer Kirche angehörten, die zwar nicht uniformistisch eins und paradiesisch friedlich war, ihre Koinonia aber trotz aller Vielfalt und Spannungen noch weitgehend aufrechterhalten konnte.

Auf welche Weise könnten nun die antiken Kirchenväter in das ökumenische Gespräch der Ge-genwart eingebunden werden? Sicher nicht, indem man sie lediglich öfters zitiert oder aber als verpflichtendes Idealbild der wahren Kirche hinstellt, das es krampfhaft nachzuahmen gelte. Eine echte Möglichkeit besteht wohl nur darin, daß ihr Erbe "typologisch-sakramental" verstanden wird, d.h. als besonders eindrucksvolles Modell oder Zeichen der geschichtlichen Vergegen-wärtigung der einen Tradition Jesu Christi im Heiligen Geist.[32] Die Väter würden damit gewis-sermaßen zu empfehlenswerten Dialogpartnern unserer Zeit. Sie zu übergehen, wäre mindestens unklug. Das Gespräch mit ihnen könnte aber dreierlei bewirken: zum einen davon entlasten, ständig erst einmal wieder von vorn anfangen und das Christentum vielleicht völlig neu entwerfen zu müssen, zum anderen auch Alternativen zur Gegenwart und damit eine kritische Unruhe vermitteln, und schließlich dazu führen, Bewährtes aufzugreifen und es schöpferisch umzusetzen. Bewahrt werden kann etwas letztlich aber nur, wenn es sich auch unter neuen Verhältnissen bewährt. Das heißt jedoch nicht Zeitgemäßheit um jeden Preis; das entscheidende Kriterium ist vielmehr, ob das, was überliefert wird, der Wahrheit entspricht oder nicht.[33]

Wenn man sich heutzutage auf die Väter der Alten Kirche zurückbesinnt, so könnte das zunächst einmal manche kontroverstheologischen Verkrampfungen späterer Zeit etwas lockern. Hier findet man mehr, was miteinander verbindet als voneinander trennt, vor allem die zentralen Glaubenslehren vom dreifaltigen Gott und dem Erlöser Jesus Christus, aber auch die enorme Bedeutung der Heiligen Schrift für das ganze kirchliche Leben. Einem östlichen Kirchenvater würde darum z.B. ein evangelischer Theologe vermutlich eher etwas abnehmen als einem tridentinisch argumentierenden Katholiken. Eine andere Möglichkeit wäre, den bisweilen engen konfessionellen Horizont dadurch zu weiten, daß man auch die anderen, in der eigenen Kirche nur wenig oder gar nicht rezipierten Vätertraditionen mit Respekt zur Kenntnis nimmt und – die bisherige Position überdenkend – vielleicht sogar integrieren kann. Eventuell zeigt sich aber auch, daß manche recht unterschiedlichen Auffassungen durchaus kompatibel sind. Auf jeden Fall bieten die Väter weniger fertige Lösungen als anregende Verhaltensweisen. Dazu gehört z.B. die Offenheit und Dynamik, mit der sie den Problemen ihrer Zeit begegnet sind und den christlichen Glauben mit z.T. unkonventionellen Formulierungen gesichert und aufs neue verständlich gemacht haben. Dazu gehört vor allem aber auch die bei vielen fast noch selbstverständlich erscheinende Einheit von Theologie und Spiritualität bzw. Lehre und Leben. Wo gibt es das heute noch, daß kritische Theologen zugleich auch im Ruf der Heiligkeit stehen? In den ökumenischen Dialogen ist den Kirchenvätern leider bisher nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden,[34] und wenn, dann war es zumeist die orthodoxe Seite, die den Anstoß dazu gab. Sich auf sie zu besinnen und von ihnen herausfordern zu lassen, sollte jedoch nicht nur einigen traditionsbewußten Theologen oder Kirchen überlassen bleiben, es könnte durchaus auch für die anderen sinnvoll sein und allen helfen, einander näherzukommen.


 

[1]Vgl. A. Benoît, L'actualité des Pères de l'Èglise, Neuchâtel 1961, 52. 77. 81–83; J. Ratzinger, Die Bedeutung der Väter für die gegenwärtige Theologie: ThQ 148 (1968) 257– 282, hier: 266. 274. 282; H. Crouzel, Die Patrologie und die Erneuerung der patristischen Studien, in: BTZJ III, Freiburg 1970, 504– 529, hier: 528; G. Kretschmar, Die Folgerungen der modernen biblischen und patristischen Forschung für das Verständnis und die Autorität der altkirchlichen Tradition, in: Oec. 1971/72, Gütersloh 1972, 111–129, hier: 114; G. Larentzakis, Diachrone ekklesiale Koinonia. Zur Bedeutung der Kirchenväter in der orthodoxen Kirche, in: Anfänge der Theologie (Charisteion J.B. Bauer), Graz-Wien-Köln 1987, 355–377, hier: 365; T. Nikolaou, Die Bedeutung der patristischen Tradition für die Theologie heute: OFo 1 (1987) 6–18, hier: 12. 18; Kongregation für das katholische Bildungswesen, Instruktion über das Studium der Kirchenväter in der Priesterausbildung vom 10.11.1989 (VApS 96), Bonn 1990, 21. – Wertvolle Einsichten in patristisch-ökumenische Zusammenhänge bietet z.B. A. de Halleux, Patrologie et Oecuménisme. Recueil d'etudes (BEThL 93), Leuven 1990.

[2]Vgl. z.B. N. Brox, Art. Patrologie, in: NHThG III, München 1985, 330–339, hier: 335.

[3]Vgl. z.B. J. Ratzinger, aaO. (Anm. 1) 258; G. Kretschmar, aaO. (Anm. 1) 115.

[4]Vgl. Hil., De syn. 86.

[5]Vgl. Basil., Ep. 140,2.

[6] Vgl. J. Ratzinger, aaO. (Anm. 1) 268–270.

[7] Vgl. A. Stuiber, Art. Kirchenvater, in: LThK 6 (²1961) 272–274, hier: 274; B. Studer, Die Kirchenväter, in: MySal 1 (1965) 588–599, hier: 589.

[8]Vgl. dazu H. Rahner, Art. Kirchenlehrer, in: LThK 6 (²1961) 229–231; B. Altaner/A. Stuiber, Patrologie, Freiburg-Basel-Wien 81978, 4f.

[9]Vgl. N. Brox, aaO. (Anm. 2) 331f.; B. Studer, Kirchenväter (Anm. 7) 589–591.

[10]Vgl. T. Michels (Hg.), Geschichtlichkeit der Theologie, Salzburg-München 1970, 81–83.

[11]Vgl. z.B. A.M. Triacca, L'uso dei "loci" patristici nei Documenti del Concilio Vaticano II: un caso emblematico e problematico, in: E. dal Covolo/A.M. Triacca (Hg.), Lo studio dei Padri della Chiesa oggi (BSRel 96), Roma 1991, 149–183.

[12]Vgl. U. Ruh, Der Weltkatechismus. Anspruch und Grenzen, Freiburg-Basel-Wien 1993, 61–71; T. Nikolaou, "Der Katechismus der Katholischen Kirche" aus orthodoxer Sicht: OFo 9 (1995) 53–63, hier: 57.

[13]Vgl. J. Ratzinger, aaO. (Anm. 1) 262–265.

[14]Vgl. z.B. A. Basdekis, Art. Kirchenväter, in: ÖL, Frankfurt a.M. ²1987, 680–682; G. Larentzakis, aaO. (Anm. 1) 355–373; T. Nikolaou, Theologie (Anm. 1) 5–15.

[15]Vgl. G. Galitis, Glauben aus dem Herzen. Eine Einführung in die Orthodoxie, München ³1994, 24. 80–82; auch T. Nikolaou, Theologie (Anm. 1) 12–14; G. Larentzakis, aaO. (Anm. 1) 355f.

[16]Vgl. T. Nikolaou, Theologie (Anm. 1) 14f.

[17]Vgl. z.B. P. Evdokimov, Christus im russischen Denken (Sophia 12), Trier 1977, 232–246.

[18]Vgl. K.C. Felmy, Die Orthodoxe Theologie der Gegenwart. Eine Einführung, Darmstadt 1990, 15f.

[19]E. Mühlenberg, Das Vermächtnis der Kirchenväter an den modernen Protestantismus, in: Kerygma und Logos (FS C. Andresen), Göttingen 1979, 380–394, Zitat: 380.

[20]Vgl. R. Staats, Väter der Alten Kirche in der Evangelischen Kirche. Zum Problem evangelischer Katholizität: MEKGR 34 (1985) 1–18, bes. 5f.

[21]Vgl. z.B. W. Schneemelcher, Wesen und Aufgabe der Patristik innerhalb der evangelischen Theologie: EvTh 10 (1950) 207–222; A. Benoît, aaO. (Anm. 1); G. Gassmann/V. Vajta (Hg.), Tradition im Luthertum und Anglikanismus (Oec. 1971/72), Gütersloh 1972; E. Mühlenberg, Vermächtnis (Anm. 19); W.A. Bienert, "Im Zweifel näher bei Augustin"? – Zum patristischen Hintergrund der Theologie Luthers, in: Oecumenica et Patristica (FS W. Schneemelcher), Stuttgart 1989, 281–294; Ders., Christologische und trinitätstheologische Aporien der östlichen Kirche aus der Sicht Martin Luthers, in: Luther und die trinitarische Tradition: Ökumenische und philo-sophische Perspektiven (VLAR 23), Erlangen 1994, 95–112, L. Grane u.a. (Hg.), Auctoritas Patrum. Zur Rezeption der Kirchenväter im 15. und 16. Jahrhundert (VIEG Beih. 37), Mainz 1993.

[22]Vgl. B. Hägglund, Verständnis und Autorität der altkirchlichen Tradition in der lutherischen Theologie der Reformationszeit bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, in: G. Gassmann/V. Vajta (Hg.), aaO. (Anm. 21) 34–62, hier 35–39 (mit Hinweis auf WA 50, 519 u. 543); W.A. Bienert, Zweifel (Anm. 21) 282–287.

[23]WA 16, 68f.

[24]L. Grane u.a. (Hg.), aaO. (Anm. 21) VII.

[25]Vgl. z.B. R. Mau, Die Kirchenväter in Luthers früher Exegese des Galaterbriefes, in: L. Grane u.a. (Hg.), aaO. (Anm. 21) 117–127; K.-V. Selge, Kirchenväter auf der Leipziger Disputation, in: ebd. 197–212.

[26]Vgl. ebd. 56–60.

[27]Vgl. B. Studer, Kirchenväter (Anm.7) 591.

[28]Vgl. z.B. W.A. Bienert, Die Bedeutung der Kirchenväter im Dialog zwischen der EKD und Orthodoxen Kirchen: ÖR 44 (1995) 451–472; Ders./G. Koch, Kirchengeschichte I. Christliche Archäologie, Stuttgart 1989, 44f.

[29]Vgl. G. Lachner, Die Kirchen und die Wiederheirat Geschiedener (BÖT 21), Paderborn 1991, 190–203.

[30]Vgl. T. Bremer, Ostkirchenkunde und Ökumenische Theologie. Versuch einer Standortbestimmung: Cath (M) 47 (1993) 294–309, hier: 301.

[31]Vgl. J. Ratzinger, aaO. (Anm. 1) 275–281.

[32]Vgl. W. Kasper, Tradition als Erkenntnisprinzip. Systematische Überlegungen zur theologischen Relevanz der Geschichte, in: ThJb (L) 1977/78, 101–117, hier: 115; A. Houtepen, Kirche im Werden. Fundamentaltheologische Beiträge zu einer ökumenischen Ekklesiologie?, in: ThJb (L) 1989, 439–459, hier: 449.

[33]Vgl. W. Kasper, ebd. 103–105.

[34]Vgl. z.B. H. Meyer u.a., Dokumente wachsender Übereinstimmung. Sämtliche Berichte und Konsenstexte inter-konfessioneller Gespräche auf Weltebene I: 1931–1982, Paderborn-Frankfurt a. M. 1983, 25. 45. 59f. 82. 311; II: 1992, Paderborn-Frankfurt a. M. 1992, 114. 122. 264; W.A. Bienert, Bedeutung (Anm. 28); K.C. Felmy, Gegenwart (Anm. 18) 202f.

 


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