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Dr. Johannes Friedrich
Landesbischof der Ed.-Lutherischen in Bayern
leitender Bischof der VELKD

Ökumene im Jahr 2007: Welche Profile helfen weiter?

 

Vortrag in beim Jahresempfang der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland
am 11.06. 2007 in Bonn

 anlässlich des Namenstages des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I.

 

Eminenz Metropolit Augustinus,
Exzellenzen Vikarbischöfe, Bischöfe, Archimandriten,
Erzpriester und Priester,
sehr geehrte Damen und Herren,

dass ich heute in Ihrer Mitte sein und sogar den Festvortrag halten darf, sehe ich als eine besondere Ehre an und als Ausdruck gewachsener Beziehungen und gewachsenen Vertrauens. Sie, Metropolit Augustinus, waren bereits als Gast bei unserer Generalsynode anwesend. -unter anderem in meiner bayerischen Heimatkirche in Bamberg, und Vertreter der VELKD sind auch regelmäßig zu Gast bei den Feierlichkeiten zum Namenstag des ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I.

Gewiss erkennen wir auch, dass sich derzeit die römisch-katholische Kirche und die ortho­doxen Kirchen auf einem guten Weg neuer Annäherung befinden.

Aber wir als Kirchen der lutherischen Reformation sehen das nicht mit Argwohn, geschweige denn mit dem Gefühl der Eifersucht, sondern wir freuen uns über jeden Schritt, den unsere christlichen Kirchen aufeinander zu gehen, weil ja die Einheit der Kirche, die in Jesus Christus vorgegeben ist, der Welt bezeugt werden will - dass sie glaube (Johannes 17).

So ist denn auch das Thema, das Sie mir freundlicherweise zugestanden haben, in dem Themenfeld der Ökumene angesiedelt:

Ökumene im Jahr 2007 - welche Profile helfen weiter?

Mich bewegt dieses Thema aus zwei Gründen: zum einen gehört die Ökumene nicht nur als bayerischer Landesbischof, sondern auch als langjähriger Catholica-Beauftragter und jetzt als Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands zu meinen wichtigsten Aufgaben; und zum anderen scheint Sie ja auch das Stichwort der Ökumene der Profile nicht abzuschrecken, sondern Sie gestatten die offensive Frage: Welche Profile helfen weiter? - unter der wie ich finde richtigen Voraussetzung, dass Profile der Ökumene nicht schaden müssen, sondern helfen können.

Und es ist ja immer auch zu bedenken, dass in dem Wort Profil das lateinische „filum" - Faden, Band - drinsteckt: Profil kann also nicht nur trennen, sondern auch verbinden! Ohne einen klaren Standpunkt, also ohne erkennbares Profil, wäre Ökumene ja gar nicht möglich.

Ich kann nur ökumenisch aufgeschlossen sein, wenn ich einen klaren Standpunkt habe und in meiner Kirche und Glaubenstradition zu Hause bin.

Ein solches verbindendes Profil finde ich in den theologischen Grundtexten, den Bekenntnissen der Evangelisch-Lutherischen Kirche vorgezeichnet, und darum scheue ich mich auch nicht zu sagen, dass ich das Profil, das die lutherische Kirche und die lutherische Theologie in die gegenwärtigen ökumenische Gespräche eintragen, für zukunftsweisend halte.

1. Ökumenisches Kirchenverständnis

Dieses Profil hat nun ganz wesentlich damit zu tun, wie wir die Kirche verstehen.
Weil es in der Ökumene um das Verständnis der Kirche geht, muss jedes systematische Nach­denken über die Ökumene bei der Kirche selbst ansetzen.
In der lutherischen Kirche sind hierfür die biblischen Aussagen der Ausgangspunkt allen inhaltlichen Nachdenkens über die Einheit der Kirche.

Zu ihrem besseren Verständnis helfen uns dabei in erster Linie die Bestimmungen der Confessio Augustana, hier insbesondere CA 7. Dort heißt es:
"Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden, wie Paulus sagt: „Ein Leib und eine Geist, wie ihr berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe" (Eph 4,4-5)."

Für das lutherische Verständnis der Kirche ist hier festzuhalten: Die Kirche wird zur Kirche durch die rechte Verkündigung des Evangeliums und durch die stiftungsgemäße bzw. evange­liumsgemäße Darreichung der Sakramente. Wo Gottes Ruf, wo Gottes Einladung durch sein Evangelium in Wort und Sakrament geschieht und gehört wird, da ist Kirche.

Dieses sind die beiden Wesensmerkmale von Kirche: die Verkündigung des Evangeliums und die Feier der Sakramente. Die congregatio sanctorum aus CA VII ist also die versammelte Gottesdienstgemeinde.

Ich sehe auch hier eine klare Verbindung zur orthodoxen Theologie. Denn bei ihr beginnt und endet alle Reflexion über die Kirche mit dem Gottesdienst, genauer der Göttlichen Liturgie. Dort bildet die Kirche eine eschatologische Gemeinschaft mit den uns im Glauben voraus­gegangenen - dazu zählen auch die Propheten des Alten Testaments, die Apostel, die Heiligen samt Gottesgebärerin und natürlich Jesus Christus selbst (vgl. Bildprogramm der Ikonostase).

Nach lutherischem Verständnis sind diese Wesensmerkmale der Kirche (Verkündigung des Evangeliums und Feier der Sakramente) auch die Wesensmerkmale der Einheit der Kirche, oder anders gesagt: Zur Einheit der Kirche sind diese beiden Merkmale der Kirche ausreichend.

Dieses allein an den Wesensmerkmalen der Kirche ausgerichtete Verständnis der Kirche wendet sich darum auch ausdrücklich gegen eine Einheitsvorstellung, die gleichförmige Zeremonien oder institutionelle bzw. strukturelle Einheit verlangt.
Sie zielt natürlich auch nicht auf die Herstellung der eschatologischen Einheit der Kirche, denn diese kann nur Gottes Werk sein.

Das lutherische Verständnis von Kirche ist bewusst ökumenisch offen. Als Lutheraner können wir deshalb auch die Kirche Jesu Christi außerhalb der Grenzen unserer eigenen Kirche erkennen: Einen Alleinvertretungsanspruch stellen wir nicht!

Worauf wir in unseren ökumenischen Bemühungen und Aktivitäten aber zielen, ist ein gemeinsames schriftgemäßes Verständnis des Evangeliums auf der Basis der Rechtfertigungs­lehre, die die Mitte der Heiligen Schrift ist. Sie hat für uns eine ähnlich grundlegende Bedeutung wie die orthodoxe Theosislehre in der orthodoxen Theologie.

Wenn wir mit anderen Kirchen dieses gemeinsame Verständnis des Evangeliums feststellen, dann können wir untereinander Kirchengemeinschaft an Wort und Sakrament erklären und auch praktizieren. Und wir widersprechen, wo darüber hinausgehende Bedingungen für Kirchengemeinschaft aufgestellt werden. Dieses lutherische Ökumeneverständnis ist nicht bloße Theorie, sondern ökumenisch innovativ und tragfähig.

Ich kann das an der Leuenberger Kirchengemeinschaft zwischen lutherischen und reformierten Kirchen zeigen - einer Kirchengemeinschaft, mit der die orthodoxen Kirchen im Dialog stehen. In der Leuenberger Konkordie, die der „Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE)" - wie sie jetzt heißt - zugrunde liegt, steht:
"Kirchengemeinschaft im Sinne dieser Konkordie bedeutet, dass Kirchen verschiedenen Bekenntnisstandes aufgrund der gewonnenen Übereinstimmung im Verständnis des Evange­liums einander Gemeinschaft an Wort und Sakrament gewähren und eine möglichst große Gemeinsamkeit in Zeugnis und Dienst an der Welt erstreben." (Leuenberger Konkordie 29).

Die Pointe der Leuenberger Konkordie ist, dass Bekenntnisunterschiede nicht relativiert werden. Und dennoch wird festgehalten, dass diese verbleibenden Lehr- und Bekenntnis­unterschiede die Kirchengemeinschaft nicht verhindern, so lange gemeinsam und gegenwärtig bekannt werden kann, was das Evangelium bedeutet.

Die Leuenberger Konkordie, die treffend das lutherische Kirchenverständnis in ein ökume­nisches Modell übersetzt, ist mit dieser Unterscheidung von Einigkeit im Fundamentalen und verbleibenden Lehrunterschieden unseres Erachtens ein tragfähiges Paradigma für den ökumenischen Dialog zwischen den Kirchen.
Und dies ist ein dynamisches Modell von Einheit. Neben dem Grundkonsens (nach CA 7), der Kirchengemeinschaft begründet, ist die theologische Weiterarbeit ein integraler Bestandteil der Konkordie.

Es wird also nicht nur Kirchengemeinschaft zwischen bekenntnisverschiedenen Kirchen erklärt, sondern auch die Verpflichtung eingegangen, diese Gemeinschaft zu vertiefen. Dies geschieht in Lehrgesprächen, die in der Konkordie verankert sind.

Natürlich werden wir anlässlich dieses Kirchen- und Ökumeneverständnisses immer wieder zwei Dinge gefragt: a) Woher wissen wir, ob wir das Evangelium recht verstehen und die Sakramente recht verwalten; und: b) ist das Kirchenverständnis nicht sehr individualistisch, ja gleichsam spiritualistisch? Wie haltet Ihrs mit der leibhaften Institution?

Zum ersten pflege ich zu antworten, dass das Evangelium dort recht verstanden wird, wo der Glaube die Menschen in Anfechtungen tröstet und frei macht von Sünde, Gesetz und Tod. So halten es die Heilige Schrift und dann die Bekenntnisschriften als deren Schlüssel und vor­nehmster Auslegung fest. Daran überprüfen wir auch Lehre, und wo es Not tut, erklären wir danach auch Lehre zur Irrlehre. Es kann also auch nicht jeder Evangelische glauben, was er will.

Zum zweiten ist es klar, dass das Evangelium laut werden will und muss. Das machen Menschen, die das Evangelium verkündigen.

Wir brauchen also Amtsträgerinnen und Amtsträger - und damit haben wir auch das Amt und die Institution und letztlich auch das Kirchenrecht - freilich in einer dem Evangelium dienen­den Funktion.
Und genauso ist denn auch das Pfarramt und insbesondere das Bischofsamt in seinen unter­schiedlichen Ausprägungen das Amt der Einheit der Kirche.
Wenn Sie also hier Sorgen gegenüber der ökumenischen Verlässlichkeit von uns Lutheranern haben, möchte ich diese hiermit gerne zerstreuen.

2. Profilierte Ziele der ökumenischen Bemühungen

Weil wir verlässliche ökumenische Partner sind, können wir auch klar benennen, was für uns das Ziel der Ökumene ist. Das Ziel der Ökumene ergibt sich - wie ich meine zwangsläufig - aus unserem Verständnis der Kirche. Ökumene kann nicht das Ziel haben, aus vielen Kirchen eine zu machen. Das wäre schon deswegen ein völlig falsches Verständnis von Ökumene, weil die Einheit der Kirche längst da ist - in Jesus Christus selbst.

Ökumene ist für mich Zeugendienst an dieser uns und allem unseren Tun vorgegebenen Ein­heit. Und genau das ist auch der Grund, warum wir uns nicht aussuchen können, ob wir Ökumene treiben oder nicht, ob wir sie oben auf unsere Agenda schreiben oder unten.

Indem wir mit von nichts zu überbietender Priorität zum Dienst der Verkündigung des Evangeliums gerufen sind, sind wir gerufen zum Dienst an der Bezeugung der Einheit der Kirche. Eine Kirche, die meint, sich hier entziehen zu können, kommt ihrem Auftrag nicht ordentlich nach.

In der Ökumene geht es deshalb für uns darum, verlässliche Absprachen darüber zu erzielen, was man zusammen machen kann und was nicht. Dabei ist das Ziel jeweils dies, mit einer anderen Kirche Kirchengemeinschaft zu vereinbaren als Gemeinschaft am Tisch des Herrn und auf der Kanzel.

Wir haben dies in den letzten Jahren mit den Methodisten erreicht; mit den Altkatholiken und den Mennoniten ist eucharistische Gastbereitschaft vereinbart.
Hinzu kommt eine Vereinbarung mit der Kirche von England über begrenzte Kirchengemeinschaft sowie theologische Erklärungen wie die zur Rechtfertigungslehre. Hinzu kommen Vereinbarungen auf der Ebene der Leuenberger Kirchengemeinschaft und des Luth. Weltbundes.
Das macht uns dankbar, weil in den letzten Jahren und Jahrzehnten mehr erreicht wurde als in den Jahrhunderten zuvor. Doch das reicht uns nicht. Wir wollen mehr erreichen, und wir wollen weiter kommen. Kirchengemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen, den Freikirchen und allen jenen, die zu Recht Kirche heißen - darauf gehen wir zu, so will es unser lutherisches Profil.

3. Lutherisches Profil: Solide theologische Arbeit

Nun wissen wir alle, dass wir Inhaberinnen und Inhaber kirchlicher Leitungsämter in den ökumenischen Prozessen eine wichtige Rolle spielen, dass aber die Vorarbeit zu ökumenischen Fortschritten an anderer Stelle geleistet werden, z. B: in den Ausschüssen und Dialogkommis­sionen unserer Kirchen. Lutherisches Profil in der Ökumene heißt: In Dialogkommissionen und anderen ökumenischen Gremien theologisch solide zu arbeiten.

Ich bin dankbar, dass sich die VELKD entschieden hat, auch weiterhin Ausschüsse vorzuhalten, in denen hochkompetente Theologinnen und Theologen ehrenamtlich tätig sind. Diese Aus­schüsse begleiten die theologischen Dialogprozesse, z. B. durch Stellungnahmen; nicht selten gehören Mitglieder unserer Ausschüsse selbst Dialoggruppen an. Die intensive theologische Arbeit ist oft langwierig, manche Dialoge dauern Jahre und Jahrzehnte. Und es kommt vor, dass die Ergebnisse auch ärgerlich sind, kirchenpolitisch nicht ins Konzept passen. Aber die gute theologische Arbeit zeigt sich in der Regel nach Jahren; auf längere Sicht zahlt sie sich immer wieder aus. Denn wenn man einmal gründlich gearbeitet hat, muss man beim nächsten Dialog nicht wieder von vorne anfangen, sondern kann bei Erreichtem anknüpfen, weil es noch standhält; und die Stellungnahmen zu auf hohem Niveau geführten Dialogen werden nicht so ausfallen, dass das Ergebnis von allen Beteiligten scharf kritisiert wird.

Die lutherische Reformation wurde durch einen akademischen Akt, den Anschlag von Diskussions-Thesen an eine Kirchentür, ausgelöst. Das hohe akademische Niveau unserer Theologie gehört zu unserem Profil; wir wollen es auch weiterhin im Dienst der Ökumene erhalten. Deswegen halte ich es z.B. für unverzichtbar, dass wir in Deutschland mit Bensheim ein Institut für die ökumenische Wissenschaft haben ebenso wie als LWB in Straßburg das theologische Institut, in dessen Kuratorium ich sitze und das mir sehr am Herzen liegt.

4. Lutherisches Profil: Partizipation

Ökumene ist immer die Sache von bestimmten Menschen, die ihr Herz an die Sache der Ökumene hängen und ihr Leben dem ökumenischen Miteinander widmen.
Gewiss fallen uns allen Namen in unseren Kirchen ein, die wir sofort mit dem Stichwort Ökumene verbinden. Ich nenne als Beispiel nur zwei Generalsekretäre des ÖRK, Wilhelm Vissert'Hooft und Philip Potter.

So sehr die Ökumene Sache von Einzelnen ist, so wichtig ist gerade uns als Evangelischen auf der anderen Seite, dass die ganze Kirche vom Geist der Ökumene bewegt wird. Wo nämlich Ökumene zu sehr an einzelnen Personen hängt, da wird sie leicht als Hobby, als Spielwiese von großen Einzelnen gedeutet und läuft Gefahr, in dem Augenblick, wo diese Leitfiguren von der Bühne abtreten, in Vergessenheit zu geraten.

Darum ist es nötig, Ökumene in allen theologischen und kirchlichen Ebenen zu verankern und damit deutlich zu machen, dass Ökumene nicht eine Aufgabe der Kirche unter anderen Auf­gaben ist, sondern dass sie zum Wesen der Kirche gehört.

Ökumene muss in der theologischen Ausbildung vorkommen. Es darf nicht sein, dass jemand in Bayern Pfarrer wird und die Grundzüge römisch-katholischer Lehre nicht kennt Darum sorgen wir dafür, dass unsere Studenten und Vikare frühzeitig etwas mit auf den Weg bekommen.

Ökumene muss in den Gemeinden, Dekanaten und Kirchenkreisen vorkommen.
Kontakte zu katholischen  und  in größeren Städten auch orthodoxen  und freikirchlichen Gemeinden dürfen kein Sonderfall für den Feiertag oder die Sache einiger Weniger in der örtlichen ACK sein, sondern müssen zum Normalfall für den Alltag werden.

Hinzu kommen Besuche bei und von den Partnerkirchen aus dem Ausland, auch aus Afrika, Asien oder Amerika. Und zwar nicht um der farbenfrohen Tänze im Gottesdienst, an denen man sich als Folklore-Fan freut, sondern um miteinander den Glauben zu feiern, zu leben und dabei voneinander zu lernen.

Ich muss sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass wir als Mitglied des lutherischen Weltbundes engen Kontakt zu Christen weltweit haben. Ich habe durch meine Besuche in Afrika, Süd­amerika und Südostasien ganz viel für mich und meine Kirche gelernt.

Und Ökumene muss in den Landeskirchen, den konfessionellen Bünden und auf evangelischer Seite auch in der EKD vorkommen, im Sinne einer Ökumene des Lebens und der gemeinsamen missionarischen und ethischen Verantwortung für unser Land und im Sinne von Lehrge­sprächen über das was uns verbindet und was uns trennt.

Und dabei - das ist mir wichtig - müssen die zuvor genannten Ebenen eingebunden werden. Was auf der so genannten höheren Ebene vereinbart wurde und was in den Dialoggruppen beredet wird, muss in die ganze Kirche kommuniziert werden, es muss auf vielen Ebenen und an vielen Orten nach Rückmeldungen und nach Stellungnahmen gefragt werden, und diese Stellungnahmen müssen bei weiteren Gesprächen berücksichtigt werden.

Das kostet Zeit, manchmal auch Nerven, aber so geschieht in unserer evangelischen Kirche Lehrbildung, auch ökumenische Lehrbildung. Wir suchen, wo immer es geht, den Konsens, so wie es unser zentrales Augsburger Bekenntnis will, wenn es zu Beginn sagt: „Ecclesiae apud nos magnu consensu docent - Unsere Kirchen lehren/verkündigen im großen Konsens".

Der Nachteil ist, wie gesagt, dass solche Prozesse viel Zeit brauchen. Der sehr viel schwerer wiegende Vorteil ist jedoch, dass man viele mit auf den Weg nimmt und dass damit die Ökumene im Haus der Kirche eben nicht der Hobbyraum einiger Weniger bleibt. Und letztlich ist das der unserer Kirche angemessene Prozess der "Rezeption". Diesen Prozess der Rezeption muss es immer geben in der Kirche.

Dies geschieht bei der Wahl eines Bischofs, durch den "Axios-Ruf" des Gottesvolkes. Aber auch bei theologischen Formulierungen und Festlegungen, wie z.B. den Konzilien der ersten Jahr­hunderte, gilt die Entscheidung nur, wenn sie rezipiert wurde. Hier sind wir uns mit den Orthodoxen sehr einig. Es braucht den Dialog des ganzen Gottesvolkes, der zum Konsens führt. Ich meine, dass uns dies verbindet, denn auch die orth. Kirchen haben in den letzten Jahr­zehnten viele Dialoge geführt, die z. T. noch der Rezeption harren. Ich bin sehr dankbar, dass in diesen Dialogen die EKD eine bedeutende Rolle gespielt hat.

5. Ökumene ist, wen n'sunten ankommt

Die lutherische Kirche ist - anders als die reformierte und teilweise auch manche unierten Kirchen - nicht kongregationalistisch gestaltet.

Trotzdem achten wir bei unserer Arbeit - und das gilt in hohem Maße auch für die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands - darauf, dass sie den einzelnen Gemeinden zugute kommt, dass sie dort ankommt und Frucht trägt.

Es ist gut und wichtig, wenn Dialogkommissionen über Fragen des Kirchenverständnisses, des Amts- und Sakramentsverständnisses brüten und kluge Papiere verfassen. Ich schätze das. Wir brauchen solche Papiere, um uns immer wieder vor Augen zu halten, was theologisch möglich ist und wo wir in der Praxis hinterherhinken. Für uns als Lutheraner ist es jedoch konstitutiv, dass ökumenische Fortschritte an der Basis ankommen.

Ich kann es aber gut verstehen, wenn mich Gemeinden fragen: Was haben wir davon? Wo hilft uns das heute weiter?

Darum habe ich in meiner Zeit als Catholica-Beauftragter der VELKD immer wieder auf die Möglichkeit gemeinsamer ökumenischer Feiern des Gottesdienstes hingewiesen und darauf gedrängt, dass wir Fortschritte beim Abendmahl für konfessionsverbindende Ehen erzielen.

Nur wo die Gemeinden erkennen, dass es voran geht, bleibt das ökumenische Feuer brennen. Ohne kontinuierliche Zufuhr von Sauerstoff, von frischem Wind, erstickt das ökumenische Feuer.

Darum möchte ich Sie alle, die Sie hier versammelt sind, herzlich bitten, auf dem ökume­nischen Weg fröhlich und unverzagt, aber auch mit der nötigen Kondition und dem daraus erwachsenden langen Atem weiterzugehen.

Feiern wie die heutige empfinde ich als eine willkommene Verpflegungsstation auf dem ökumenischen Marathon.

Wenn Ihnen das lutherische Profil, das ich Ihnen heute vorgestellt habe, einige gute Anregun­gen gegeben hat, dann freut mich das.

Ihnen allen Gottes Segen für Ihre ökumenische Arbeit und vielen Dank für Ihre Geduld.

 


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