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Prof. Dr. Ferdinand R. Gahbauer OSB,
Ettal

 Ehrenprimat in der Orthodoxie
Das Dialogtreffen in Belgrad - Eine römisch-katholische Stellungnahme

Über den Inhalt des orthodox-katholischen Dialogtreffens, das im September 2006 in Belgrad stattgefunden hat, ist bis jetzt nur sehr wenig nach außen gedrungen. Es wurde lediglich bekannt, dass der dem Moskauer Patriarchat untergeordnete russisch-orthodoxe Bischof von Wien und ganz Österreich, Hilarion Alfejew, „Kritik am Belgrader Ökumenegipfel“ (1) geübt und den Ehrenvorrang des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel innerhalb der Orthodoxie geleugnet habe.

Um den Standpunkt des Bischofs zu beurteilen, muss man sehr weit in die Geschichte zurückblicken. Lange Zeit vor dem Untergang des Byzantinischen Reiches (1453) und erst recht vor der Erhebung Moskaus zum Patriarchat (1589) hatte der Patriarch von Konstantinopel den zweiten Rang in der Reihenfolge der Pentarchie gleich nach dem Papst. Die Alte Kirche kannte die Rangfolge der fünf Patriarchate, der so genannten Pentarchie (2): Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem seit dem Konzil von Chalkedon(451) 

Kanon 3 des Ökumenischen Konzils von Konstantinopel (381) sprach Konstantinopel den zweiten Rang gleich hinter Rom zu, weil es als Regierungssitz des oströmischen Kaisers das „Neue Rom“ sei. Kanon 28 des Konzils von Chalkedon (451) griff diesen Kanon auf, ordnete den Bischof von Konstantinopel im Rang gleich hinter dem römischen Bischof ein und sprach sogar von gleichen Ehrenrechten des Bischofs von Rom und von Konstantinopel.

Dahinter steht das politische Prinzip der Kirchenleitung, d.h. die Stadt mit dem höchsten politischen Rang beanspruchte auch den höchsten kirchlichen Rang. Als Kaiserstadt wurde Konstantinopel dieser Rang zugestanden, den es heute noch beansprucht.

Aus demselben politischen Prinzip haben auch die Zaren des bulgarischen, des serbischen und des russischen Reiches für den Bischof ihrer Reichshauptstadt den Rang eines Patriarchen beansprucht. So wurde Moskau im Jahr 1589 zum Patriarchat erhoben und von der Synode der vier östlichen Patriarchen, die 1593 in Istanbul zusammentrat, an die letzte Stelle der nach dem Wegfall Roms neu gebildeten Pentarchie gereiht. Es gab und gibt also in der orthodoxen Kirche mindestens fünf Zentren, die einzelnen Patriarchate. Als einziges Zentrum des Westens hatte sich im Laufe der Jahrhunderte Rom immer mehr profiliert, während die früheren bedeutenden Sitze wie Karthago, Toledo, Aquileja, Mailand an Bedeutung verloren haben oder untergegangen sind. Im Unterschied zu den oben genannten Patriarchaten Osteuropas beansprucht der Bischof von Konstantinopel seit dem achten Jahrhundert, der Nachfolger des Apostels Andreas zu sein ebenso wie sich der römische Bischof als Nachfolger Petri sieht.

Hier wirkten sich also zwei Prinzipien für die Stellung der Patriarchate aus: das politische und das apostolische. De jure besteht der Vorrang des Patriarchen von Konstantinopel darin, dass ohne seine Zustimmung keine autonome Kirche autokephal oder gar Patriarchat werden kann. Der Vorrang des Patriarchen von Konstantinopel ist jedoch kein Primat, der dem des Papstes vergleichbar wäre.

Es gibt also nicht zwei Kirchen, die römischkatholische und die orthodoxe mit jeweils einem Primat.

Heute hat sich die Lage leider zu Ungunsten des Patriarchats von Konstantinopel verändert. In der Türkei gibt es nur noch wenige Tausend orthodoxe Christen. Auch die Hochschule von Chalki ist vom türkischen Staat geschlossen worden, so dass der Ökumenische Patriarch nicht einmal mehr seine eigenen Priester und Religionslehrer in seiner Diözese ausbilden kann. Soll der Patriarch von Konstantinopel deshalb den Ehrenprimat verlieren? Hinter der Kritik Bischof Hilarions am Ehrenprimat des Ökumenischen Patriarchen steht der Anspruch der territorial und auf Grund der Zahl der Gläubigen größten orthodoxen Landeskirche, die erste im Rang zu sein. Maßstab hierfür ist ebenfalls wieder die Politik, denn Russland gehört zu den Weltmächten. Außerdem dürfte immer noch der Gedanke an Moskau als das „Dritte Rom“ eine Rolle spielen, das heute noch besteht, während das „Zweite Rom“, eben Konstantinopel, 1453 im Osmanensturm untergegangen ist.

Das Patriarchat Moskau repräsentiert 70 Prozent der orthodoxen Christen, Konstantinopel jedoch vielleicht kaum 10 Prozent. Indes sind genaue Angaben über die Zahlen der Gläubigen kaum möglich. Intern wäre eine Änderung der Gewichtung der Stimmen bei Abstimmung während der Dialogtreffen im Sinne der Gerechtigkeit nötig.

Das Patriarchat von Konstantinopel sollte den Ehrenprimat in der Orthodoxie aus folgenden Gründen behalten:

  1. Dieser ist bereits in der Geschichte der Alten Kirche gewachsen.
  1. Das Patriarchat Konstantinopel ist die Mutterkirche aller orthodoxen Kirchen, da die Missionsbewegung im Osten von Konstantinopel ausging, so die Missionierung der Mähren, der Bulgaren und der Kiewer Rus. Dies zeigt sich auch daran, dass nicht nur Konstantinopel, sondern auch Kiew und Nowgorod eine Kirche haben, die der Hagia Sophia geweiht ist.
  1. Ökumenische Konzilien haben diesen Vorrang formuliert.
  1. Nur ein panorthodoxes Konzil könnte den Ehrenvorrang wieder rückgängig machen.
  1. Angesichts der Lage der Christen in der Türkei könnte der Ehrenprimat dem Ökumenischen Patriarchen helfen, seine Stellung an diesem traditionellen Ort aufrechtzuerhalten.
  1. In der Geschichte des Dialogs zwischen den beiden Schwesterkirchen war das Patriarchat Konstantinopel fast immer der bevorzugte Gesprächspartner Roms.

Es wäre wünschenswert, dass die Rivalitäten zwischen Konstantinopel und Moskau bald wieder überwunden werden, damit der orthodox-katholische Dialog dadurch nicht unnötig belastet wird und die Gläubigen beider Kirchen endlich wieder gemeinsam zum Tisch des Herrn gehen können.

Anmerkungen:

  1. KNA-ÖKI 42 vom 17. Oktober 2006, S. 5-6
  1. S. dazu Ferdinand R. Gahbauer, die Pentarchietheorie, Ein Modell der Kirchenleitung von den Anfängen bis zur Gegenwart (Frankfurter Theologische Studien 42), Frankfurt 1991

(KNA/ÖKI/48-0/1113)


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