Liebe orthodoxe Gläubige unseres Landes,
zu Beginn jedes Tages und zu seinem Abschluss, insbesondere aber in jeder Göttlichen Liturgie wird in unserer Kirche das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel gesprochen, in welchem wir nach dem Glauben an den dreieinen Gott auch den Glauben an die Kirche bekennen und verkünden.
Neben der Einheit der Kirche und ihrer Heiligkeit, die von ihrem Ursprung und ihrer Gründung durch unseren Herrn Jesus herrührt, wurde also ein weiteres Merkmal der Kirche von den Vätern des zweiten ökumenischen Konzils in Konstantinopel, das im Jahre 381 stattfand, in diesem Glaubensbekenntnis festgeschrieben: dass die Kirche nämlich "katholisch" sei, d, h. nicht nur in einem räumlichen Sinn allgemein, sondern auch alle Zeiten überschreitend.
Zum ersten Mal treffen wir diesen Begriff um das jähr 110 an, als der heilige Ignatius von Antiochien an dis Gemeinde zu Smyrna schreibt. "Wo der Bischof erscheint, dort soll die Gemeinde sein, wie da, wo Christus Jesus ist, die katholische Kirche ist"
Die erste Verwendung dieses Begriffes steht also mit der Feier der heiligen Eucharistie in Zusammenhang. Denn für den hl. Ignatius steht die Einheit der Gemeinde, weiche die heilige Eucharistie feiert, Im Vordergrund, Er folgt damit getreu jenem Bild, das der hl. Apostel Paulus verwendet, der die Kirche als "Leib Christi" bezeichnet: "Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir essen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot" (1Kor 10,16-17). Auch die erste Definition der Kirche selbst ist also von der hl. Eucharistie geprägt, und bis heut feiern wir unser Kirche-Sein durch die Feier der Göttlichen Liturgie.
Dies gilt gerade auch hier in unserem Land, wo unsere Gläubigen vielfach weite Entfernungen zurücklegen, um den Gottesdienst in ihrer Sprache und Tradition feiern zu können. Und gleichzeitig wächst das Bewusstsein unter ebendiesen Gläubigen, dass es eben nicht die (uns vielfach noch voneienander trennende) Sprache ankommt, sondern auf jenen gemeinsamen Glauben, den wir gemeinsam bekennen dürfen. Deshalb ist unser Bekenntnis "an die eine heilige, katholische und apostolische Kirche" trotz seines ehrwürdigen Alters ja hochaktuell. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Heute ist vie! von Globalisierung die Rede. Im allgemeinen versteht man darunter, dass die Entwicklung von Hände! und Wirtschaft nicht mehr lokal oder regional verstanden werden darf: weltweites, globales, d. h. den ganzen Globus umspannendes Handeln ist gefordert. Globalisierung bedeutet dann auch eine neue Auswahl der Produktionsstätten und der Märkte, wobei vielfach nicht das Wohl des Menschen, sondern der ökonomische und politische Nutzen im Vordergrund steht.
Für die orthodoxe Kirche ist eigentlich die Art, über den eigenen kleinen und begrenzten Horizont hinaus zu denken, nichts Fremdes; denn in jeder Göttlichen Liturgie ist die Ortsgemeinde mit der Gesamtkirche verbunden. Wie sich auf dem Diskos um Christus, seine allheilige Mutter, die Heiligen und die gesamte Kirche von Anbeginn der Zeiten Lebende und Tote aller Zeiten und aller Völker scharen, so ist in unseren Gebeten die gesamte Kirche präsent. In der Göttlichen Liturgie feiern wir das Mysterium der Einheit und der Liebe. Denn sie verbindet und vereint die Menschen aller Zeiten und aller Orte, Ja, sie verbindet uns auch mit dem Himmel: "Jetzt feiern die Mächte der Himmel mit uns auf unsichtbare Weise", werden wir auch in dieser Fastenzeit beim Großen Einzug der Liturgie der vorgeweihten Gaben singen, Dies bedeutet viel mehr als ein einfaches Gedenken derer, die womöglich räumlich von uns entfernt sind. Es heißt, dass Raum und Zeit überschritten werden, da eine andere Dimension hinzukommt: Gott kommt in diese Weit, und wir sind aufgerufen, ständige Zeugen dieses Kommens zu sein. Der heilige Patriarch Germanos von Konstantinopel (+ 733) sagt: "Die Kirche ist der Himmel auf Erden, wo der himmlische Gott Wohnung nimmt und wirkt."
Nicht Globalisierung im weltlichen Sinn, sondern Katholizität im orthodoxen Sinn ist also unser Auftrag, Gabe Gottes und Aufgabe für uns Menschen. Globalisierung des Gebets könnte die orthodoxe Antwort auf viele Fragen unserer Zeit sein. Nicht das Öffnen der Märkte, sondern das Öffnen unserer Augen und Herzen für das Leiden und die Nöte aller unserer Mitmenschen. Dies gilt ganz besonders in diesen Tagen des Fastens, das Ja nicht nur Enthaltsamkeit bedeutet, sondern auch die tätige Pflege der Philanthropie, der Liebe zu den Menschen. "Wir wollen lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat" (1 Jo 4,19,
Liebe orthodoxe Christen unseres Landes,
in diesem Geist erbitten wir den himmlischen Segen für die jetzt bevorstehende Heilige vierzigtägige Fastenzeit vor der Großen und heiligen Woche und den "Fest der Feste", dem lichten Tag der Auferstehung unseres Herrn. Wir grüßen Euch ebenso wie die Christen der übrigen Kirchen, mit denen uns das Geschenk eines gemeinsamen Osterdatums in diesem ersten Jahr des dritten Jahrtausends verbindet.
"Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!"
Nürnberg, 4. März 2001
Metropolit Augoustinos von Deutschland, Exarch von Zentraleuropa
Griechisch-orthodoxe Metropolie von Deutschland und Exarchat von Zentraleuropa
Erzbischof Sergij von Evkarpia
Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa
Erzbischof Ioann von Parnassos
Ukrainische Orthodoxe Eparchie von Westeuropa
i.V. Erzpriester Dr. Elias Esber
Patriarchalvikariat der Griechisch-orthodoxen Kirche von Antiochien
für Westeuropa
Erzbischof Feofan von Berlin und Deutschland
Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer
Patriarchats
Erzbischof Longin von Klin
Ständiger Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland
und bei der
Europäischen Union
Bischof Konstantin von Mitteleuropa
Serbische Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa
Metropolit Dr. Serafim von Deutschland und Zentraleuropa
Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland und Zentraleuropa
Metropolit Simeon von West- und Mitteleuropa
Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa