FASTENBRIEF
der orthodoxen Bischöfe Deutschlands
im Jahr 2003
Liebe Väter, Brüder und Schwestern,
Orthodoxes Volk Gottes in Deutschland!
Nicht zufällig, sondern bewusst hat unsere Kirche das Fest ihrer Identität
an den Beginn der Großen Fastenzeit gelegt, die als Vorbereitung auf
das Fest der Feste dient. So feiern wir als Kirche der Auferstehung den
Sonntag der Orthodoxie in Erinnerung an den Sieg der Orthodoxie über
die Häresie, den Triumph der Wahrheit als gelebte Wirklichkeit in der
Frömmigkeit des Volkes Gottes.
Unsere Konzelebration an diesem hohen Fest, die sich in Deutschland zu
einer guten Tradition entwickelt hat, ist Zeichen und Ausdruck der Einheit
der Orthodoxen Kirche, die in der Gestalt selbstständiger Kirchen den
authentisch überlieferten christlichen Glauben überall in der Welt,
geographisch getrennt, doch innerlich verbunden, erfahren und bekunden. Gerade
hier in Deutschland, wo wir orthodoxen Christen aus verschiedenen Nationen
und Traditionen in Bistümern verschiedener autokephaler Kirchen organisiert
sind, erfahren wir beglückend diese weltweite Einheit unserer Kirche,
in der es „nicht mehr Juden und Griechen“ (Gal 3,28), nicht mehr Araber,
Russen und Ukrainer, Serben und Rumänen, Bulgaren und Georgier gibt,
sondern wir alle zusammen die eine Orthodoxe Kirche bilden, so dass wir gemeinsam
den Dreieinigen Gott ehren und seine Gnade empfangen.
Dass wir in diesem Jahr den Sonntag der Orthodoxie in Berlin feiern, ruft
uns ins Bewusstsein, dass in dieser Stadt am Ende der österlichen Zeit
zum ersten Mal in Deutschland ein „Ökumenischer Kirchentag“ stattfindet,
an dem sich unsere Kirche mit mehreren orthodoxen Gottesdiensten und Veranstaltungen
beteiligt.
Dies geschieht in dem Bewusstsein, dass die Bewahrung bzw. Wiederherstellung
der Einheit der Christen ein Anliegen ist, das unser Herr selbst in sein
Abschiedsgebet vor seinem Kreuzestod aufgenommen hat: „Ich bitte aber nicht
allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich
glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und
ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt“ (Joh 17,20f.).
In Erfüllung des Willens Christi führt die Orthodoxe Kirche den
Dialog der Liebe und der Wahrheit, bis das angestrebte Ziel erreicht ist,
die volle Gemeinschaft aller Christen in der Wahrheit und der Liebe, die
ihre Krönung in der gemeinsamen Teilhabe am Mysterium des Leibes und
Blutes Christi hat, durch die wir „der göttlichen Natur teilhaftig werden“
(2 Petr 1,4).
Diesem Ziel dient auch die „Charta Oecumenica“, in der die Konferenz Europäischer
Kirchen „Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen
in Europa“ erarbeitet hat. Als ein Arbeitspapier, das der Weiterführung
des Dialogs dient, begrüßen wir diese Initiative und hoffen,
dass sie zu einer fruchtbaren Begegnung beiträgt, aus der die Einheit
wächst.
In diesem Sinne erhoffen wir auch vom „Ökumenischen Kirchentag“ ein
Zeichen ökumenisch orientierter Präsenz der Orthodoxen Kirche
und fordern alle auf, dieses Zeichen der Liebe zu geben und mit unseren
nichtorthodoxen Brüdern und Schwestern den Dialog der Liebe und der
Wahrheit zu führen, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes. Amen.
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