PD Dr.Dr.habil. wassilios Klein
Biblische FragestellungenZunächst einmal bin ich sehr froh, dass Professor Nikolakopoulos Probleme beim Namen genannt und nicht aus falschen Rücksichten beschönigt hat. Ja, Westen und Osten denken verschieden, was sich nicht zuletzt auf dem Gebiet der biblischen Theologie zeigt. Ich erinnere mich an manches Gespräch mit Theologiestudenten, in dem diese laut darüber lachten, dass die östlichen Christen von historisch-kritischer Methode ja noch kaum etwas gehört hätten, folglich rückständig seien. Lassen Sie mich also zunächst einmal fragen, warum die Stimmung an den deutschen theologischen Fakultäten so ist und was wir mit unserem orthodoxen Zeugnis dort tun können. Anschließend möchte ich einen anderen Aspekt meines Vorredners aufgreifen, nämlich die pastorale Seite des Problems.
1. Historisch-kritische Exegese an deutschen Universitäten und
die Rolle der orthodoxen Kirche
All das, was mein Vorredner über die geistigen Entwicklungen seit der Scholastik über die Aufklärung hin zu unserer heutigen rationalistischen Herangehensweise gesagt hat, erklärt zutreffend die langfristige Entwicklung und die Denkvoraussetzungen. Für den einzelnen Theologiestudenten und die angehenden Wissenschaftler kommen noch andere Dinge hinzu. Wir haben alle mit Staunen wahrgenommen, wie eine Gesellschaft, die für sich reklamiert, alles kritisch zu bewerten und aus denkenden Individualisten zu bestehen, wie diese Gesellschaft sich vollkommen unkritisch einer vorgegebenen Meinung angeschlossen hat, und zwar beim Kosovo-Krieg. Genau dieses Phänomen erleben wir auch in den alt- und neutestamentlichen Seminaren. Dort werden die verschiedenen Zweige der historisch-kritischen Methode gelehrt, ohne die einzelnen Methoden zu begründen oder gar ein Hinterfragen zuzulassen. Ich selbst habe dies erlebt. Für einen Studenten, der die Prüfungen bestehen will, sind die Methoden gegeben. Sie zu hinterfragen, setzt ihn ins Abseits, macht ihn zum Spinner. Dies gilt verstärkt für Diplomarbeiten und Dissertationen. Orthodoxe Kollegen werden folgerichtig nur ernst genommen, wenn sie sich derselben Methodik bedienen wie die westlichen.
Ein zweites Moment übt Druck auf die Nachwuchswissenschaftler aus: Der begrenzte Umfang gerade des Neuen Testaments. Es werden zahllose Diplomarbeiten und Dissertationen über das NT geschrieben, aber woher soll man angesichts des begrenzten Umfangs immer wieder neue Themen hernehmen? Also verlegt man sich auf methodische Spitzfindigkeiten bei der Auslegung, um irgendetwas Neues sagen zu können. Es ist klar, dass das Ziel aller Exegese, das Wort Gottes für die Errettung des Menschen nutzbar zu machen, unter diesen Bedingungen des Wissenschaftsbetriebs leicht aus dem Auge verloren werden kann. Wir haben mit Gerd Lüdemann und Eugen Drewermann zwei extreme Positionen kennengelernt, die auch von ihren eigenen Bischöfen nicht geteilt werden. Doch unter dieser Spitze des Eisbergs gibt es eine große Masse ähnlicher Positionen, deren etwas vorsichtigere Vertreter im Lehrbetrieb verbleiben und somit die nächste "Theologen"-Generation aus- und oft verbilden darf.
Auch ich will gar nicht gegen die zweifellos vorhandenen Errungenschaften der historisch-kritischen Methode sprechen, sondern ich votiere für einen kritischen Umgang damit. Vieles, nicht zuletzt die formgeschichtliche Methode, wird mit einer Beweiskraft belegt, die nicht gegeben ist. So mancher Wissenschaftler glaubt an seine Theorien, was keine Wissenschaft mehr ist. Nichts gegen eine Theorie, aber eine Theorie ist nur ein Denkmodell, das so lange gilt, bis es durch ein neues abgelöst wird. Eine Theorie ist keine bewiesene und unumstößliche Tatsache.
Was also können wir tun? Zeugnis ablegen für eine intelligente und gebildete Orthodoxie und damit jene Kräfte im Westen unterstützen, die unseren Standpunkten sehr nahe sind, aber noch nicht die nötige Anerkennung in ihren Reihen finden. Lassen Sie mich konkreter werden:
1) An verschiedenen Stellen haben orthodoxe Theologen ihre eigene und mit westlichen Ansichten nicht konforme Art des Umgangs mit der Heiligen Schrift publiziert. Diese wenigen und wenig gehörten Stimmen entfalten zwar nicht gleich eine Breitenwirkung, was angesichts unserer Minderheitensituation auch nicht anders zu erwarten ist. Aber diese Stimmen sind da, und sie werden – je häufiger sie sich erheben desto mehr – gehört. Ich denke z. B. an ältere Äußerungen wie die von Vasilios Vellas, "Die Heilige Schrift in der Griechisch-Orthodoxen Kirche"(1) oder von Elias Oikonomos in seinem Buch "Bibel und Bibelwissenschaft in der orthodoxen Kirche"(2), aber auch an aktuelle Beiträge zu dem Thema in "Orthodoxes Forum".(3) Über grundsätzliche Standpunktbestimmungen hinaus müssen wir natürlich auch in Anwendungsbeispielen zeigen, was unsere Hermeneutik praktisch leistet, denn nur, wenn sie als attraktiv betrachtet wird, findet sie Nachahmer.
2) Es gibt in den letzten Jahren einige Bücher deutscher nichtorthodoxer Wissenschaftler, die durchaus als aufsehenerregend zu bezeichnen sind. Denken wir nur an Hans-Joachim Schulz, Professor für Ostkirchenkunde und Ökumenische Theologie an der Universität Würzburg, der z. B. 1995 in seinem Buch "Die apostolische Herkunft der Evangelien"(4) gerade die formgeschichtliche Methode einer Kritik unterzieht und dieser ausdrücklich die ostkirchliche Tradition der apostolischen Herkunft der Evangelien gegenüberstellt. Damit stellt er sich gegen die übliche Spätdatierung der Evangelien und deren daraus folgende Loslösung von der Verkündigung der Urgemeinde. 1994 hatte bereits Klaus Berger, Neutestamentler an der Universität Heidelberg, für eine Frühdatierungen votiert und sich damit gegen die herrschende Meinung gestellt.(5) Und ebenfalls mit Argumenten, die auf den Schriften der Alten Kirche basieren, argumentiert der Historiker und Papyrologe Carsten Peter Thiede in seinem 1998 erschienen Buch(6) gegen Unsinnigkeiten der historisch-kritischen Methode, von der er sagt, dass sie kein Historiker auf seine Quellen anwenden würde, wie es Neutestamentler tun. Die Arbeit solcher Wissenschaftler können wir unterstützen, wenn wir verstärkt mit ihnen zusammenarbeiten, ihnen ein Forum geben und ihnen helfen, ihre abweichlerischen Ansichten gesellschaftsfähig zu machen. Erst dann nämlich können sich mehr Leute, vor allem die in Abhängigkeit sich befindenden Nachwuchswissenschaftler, auf ihre Seite schlagen und ihrer Methodenkritik zum Durchbruch verhelfen. Im Fall der Berücksichtigung der Exegese der Kirchenväter ist schon ein neu erwachendes Interesse festzustellen: Der "Evangelisch-Katholische Kommentar zum Neuen Testament", von dem bisher 28 Bände erschienen sind, berücksichtigt neben der üblichen Exegese auch die Aussagen der Kirchenväter. Oder nehmen wir den Katalog von "Kirchenväterhomilien zum Neuen Testament" von Hermann Josef Sieben, der damit, wie er sagt, "Schätze, die wir sonst nirgends finden"(7), zugänglich machen will. Oder auch die zwei ersten Bände des Alttestamentlers Henning Graf Reventlow über "Epochen der Bibelauslegung", die die exegetischen Methoden der Alten Kirche beleuchten.(8) Dies zeigt, dass das Denken nicht mehr überall ganz so einseitig ausgerichtet ist und Alternativen berücksichtigt werden.
3) Und damit komme ich zu einem schönen Beispiel, wie dieses Zeugnisgeben einer intelligenten orthodoxen Bibelwissenschaft und dieses Bestärken ähnlich denkender Kräfte im Westen aussehen kann. Im Jahr 1998 hat ein Symposium in Neamt in Rumänien stattgefunden, bei dem westliche und östliche Neutestamentler über die Hermeneutik der Bibel in ihrer jeweiligen Sicht konferierten.(9) Dabei kamen all jene Punkte zur Sprache, die uns wichtig sind, wie die Einbindung biblischer Exegese in das Leben der Kirche oder die Bedeutung der Kirchenväter für die Auslegung.
Soviel zur Universität.
2. Pastorale Aspekte des unterschiedlichen Umgangs mit der Heiligen
Schrift
Lassen Sie mich noch einige Bemerkungen über pastorale Probleme anfügen, die Sie als Gemeindepfarrer alle besser kennen als ich, die aber dennoch einmal genannt sein sollen. Sie werden zu diesen wenigen Beispielen in der Diskussion weitere hinzufügen können.
1) Die Bedeutung der Kirchenväter: Vieles der Probleme der Universität schlägt unmittelbar auf die Straße durch. Denken wir nur an die Breitenwirkung von Leuten wie Lüdemann, Drewermann oder Hans Küng. Wir können ihre Äußerungen nicht ignorieren, weil Menschen ihre Interviews in den Medien hören und sehen oder ihre populären Bücher lesen. Daraus folgt, dass wir immer weniger als gegeben ansehen können, auch im Gespräch mit unseren eigenen Gläubigen. Die Kirchenväter als Richtschnur für die Hermeneutik der Heiligen Schrift zu verstehen oder nur ihre Auslegung zu zitieren, genügt vielen Menschen nicht mehr. In der Katechese wird es lieber gesehen, wenn mit der Bibel als mit den Kirchenvätern argumentiert wird, und dies gerade in der Konkurrenz mit Protestanten, die selbst von vielen Orthodoxen als kompetenter auf dem Gebiet der Bibel angesehen werden als wir. Wir müssen folglich in der Lage sein, den Wert der Kirchenväterschriften zu belegen. Das heißt letztlich, wir müssen bereit sein, unsere eigenen hermeneutischen Prinzipien hinterfragen zu lassen und uns der Diskussion stellen, wie wir es ja umgekehrt von unseren nichtorthodoxen Freunden verlangen.
2) Wir werden in der Diskussion mit vielen Gläubigen mit Fragen konfrontiert, auf die wir in einem normalen Theologiestudium nicht oder nur unzureichend vorbereitet werden. Welcher normal ausgebildete Diplomtheologe kann z. B. über Aufbau und Quellen des sogenannten Thomasevangeliums diskutieren? Im Studium hört man von Apokryphen, doch man liest sie nicht. Aber genau dies sind jene Dinge, die viele, gerade an Religion interessierte Menschen in reisserisch aufgemachten und deshalb interessant zu lesenden Büchern finden und mit denen sie uns in Zukunft mehr und mehr gegenüberstellen werden. Qumran und die in den Qumrantexten angeblich verborgene Geheimnisse oder die von der Kirche angeblich aus reinem Machtstreben versteckten angeblichen Äußerungen Jesu in den Apokryphen, die oft als authentischer betrachtet werden als jene in den spätdatierten Evangelien, oder die angeblich viel größere spirituelle Tiefe des Buddhismus, dies sind die Themen, die in einer Gesellschaft interessieren, die vor allem destruktiv alles bisher sicher Geglaubte zerstört, ohne etwas Neues konstruktiv aufzubauen. Wir müssen uns auch darauf einstellen.
3) Nur einen Punkt noch lassen Sie mich nennen. Wir haben es als Orthodoxe in einer nichtorthodoxen Umwelt nicht nur mit konfessionellen Unterschieden zu tun, sondern mit einer anderen Mentalität, die über kurz oder lang auf dem Wege der Globalisierung auch alle Länder Osteuropas ergreifen wird, wenn sie es nicht schon hat. Schon deshalb ist die Theorie von Samuel Huntington über den zukünftigen "Kampf der Kulturen"(10) mit einer Kulturgrenze zwischen dem orthodoxen und dem nichtorthodoxen Europa Unsinn. Dennoch ist auch dieses Buch in aller Munde und entfaltet seine Wirkung. Was ich ansprechen möchte, ist die voranschreitende Computerisierung der Gesellschaft.Was dies mit biblischer Theologie zu tun hat? Ich möchte dies mit folgendem, natürlich nicht ernst gemeinten Gespräch erläutern: Ich hatte in einem Film die Exegese gehört, dass Gott nur eine Hand habe, da in der Bibel stets nur von seiner rechten Hand, nie aber von seiner linken die Rede sei. Ich habe dies später einem Jugendlichen erzählt, der mir darauf antwortete, dies könne nicht stimmen, da Gott ja mit der rechten Hand eine Tastatur und gleichzeitig mit der linken eine Maus bedienen können müsse, um die Welt zu regieren. Es war dies natürlich nur als Witz gemeint. Dennoch: hätte sich einer von unserer Generation diese Variante ausdenken können? Wir denken bei Gottes Schöpfung an Gottes Wort, mittels dessen er die Welt ins Sein setzt. Die Autoren des Schöpfungsberichtes der Bibel dachten außerdem an ein Formen des Menschen aus Lehm. Dies war ihre Welt, es waren jene Kategorien, in denen sie dachten. Gott konnten Sie sich als sehr mächtigen Töpfer vorstellen, der sein Töpferwerk beleben kann. Wen soll es da wundern, wenn unsere mit dem PC aufgewachsenen Kinder mit Lehm nichts mehr anfangen können, sondern in den Kategorien denken, die ihrer Lebenswelt entsprechen. Die Bibel erzählt von einem Milieu von Handwerkern, Bauern und Nomaden. Wir leben heute in einer verstädterten und hochtechnisierten Welt. Das müssen wir bedenken, wenn wir unseren Gläubigen die Welt der Bibel nahebringen wollen.
Werte Väter, die Zeiten, in denen Fragen unterdrückt und abgeblockt werden konnten, sind vorbei, wenn es sie überhaupt je gegeben hat. Wir müssen uns folglich wappnen, ob es uns gefällt oder nicht. Wie Menschen in anderen Berufen müssen auch wir uns ständig weiterbilden wie hier bei diesem Symposium. Wie die Kirche als Ganzes werden wir uns dabei weiterentwickeln. Möge dies mit Hilfe des Heiligen Geistes geschehen.
(1) Vasilios Vellas, Die Heilige Schrift in der Griechisch-Orthodoxen Kirche, in: Die orthodoxe Kirche in griechischer Sicht, 1. Teil, Hrsg. v. Panagiotis Bratsiotis, Stuttgart 1959 (Die Kirchen der Welt 1), 121-140.
(2) Elias Oikonomos, Bibel und Bibelwissenschaft in der orthodoxen Kirche, Stuttgart 1976 (Stuttgarter Bibelstudien 81).
(3) Z. B. Ivan Dimitrov, Die Bibelwissenschaft als Disziplin der Orthodoxen Theologie im Kontext der deutschen Universität, in: Orthodoxes Forum 10 (1996), 7-13; Konstantin Nikolakopoulos, Grundprinzipien der orthodoxen patristischen Hermeneutik, in: Orthodoxes Forum 13 (1999),171-185.
(4) Hans-Joachim Schulz, Die apostolische Herkunft der Evangelien, Mit einem Vorwort von Rudolf Schnackenburg, 2., durchges. u. aktualisierte Auflage, Freiburg 1995 (Quaestiones Disputatae 145).
(5) Klaus Berger, Theologiegeschichte des Urchristentums, Tübingen 1994; ders., Im Anfang war Johannes, Datierung und Theologie des vierten Evangeliums, Stuttgart 1997.
(6) Carsten Peter Thiede, Ein Fisch für den römischen Kaiser - Juden, Griechen, Römer: Die Welt des Jesus Christus, München 1998.
(7) Hermann Josef Sieben, Kirchenväterhomilien zum Neuen Testament, Ein Repertorium der Textausgaben und Übersetzungen, Mit einem Anhang der Kirchenväterkommentare, Steenburg 1991 (Instrumenta Patristica 22).
(8) Henning Graf Reventlow, Epochen der Bibelauslegung, Bd. 1: Vom Alten Testament bis Origenes, Bd. 2: Von der Spätantike bis zum ausgehenden Mittelalter, München 1990 u. 1994.
(9) Auslegung der Bibel in orthodoxer und westlicher Perspektive, Akten des west-östlichen Neutestamentler/Innen-Symposiums von Neamt vom 4. - 11. September 1998, Hrsg. v. James D. Dunn, Hans Klein, Ulrich Luz u. Vasile Mihoc, Tübingen 2000 (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 130).
(10) Samuel P. Huntington, Der Kampf der Kulturen, The Clash of Civilizations, Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1996.