Erzpriester apostolos malamoussis
bischöflicher vikar in bayern
Erwartungen an den Integrationsgipfel
vom 14. Juli 2006 in Berlin
Stellungnahme
der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland
und des Exarchats von Zentraleuropa
Schon seit Gründung der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland im Jahre 1963 ist ihr die Integration der hier lebenden Griechen ein besonderes Anliegen. Die Metropolie ist den Griechen nicht nur kirchliche Heimat, sondern auch eine Brücke zur hiesigen Gesellschaft und den staatlichen Stellen.
Seit langem arbeiten wir in unseren Gemeindezentren zusammen mit unterschiedlichen Vereinen und Verbänden auf dieses Ziel hin, indem wir durch Veranstaltungen und Kulturangebote versuchen, die hiesige Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Herkunft und Religion zusammenzuführen. Die Priesterschaft der Metropolie hat in vielen Reden, Predigten und persönlichen Gesprächen ihre Gläubigen immer wieder über die Vorteile einer gelungenen Integration aufgeklärt und damit ihr Interesse an einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in Deutschland geweckt und gefördert.
Die hier lebenden Griechen sprechen größten Teils Deutsch, sie kennen die hiesigen Verhältnisse, sie bejahen den Rechtsstaat und arbeiten erfolgreich in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, dies alles ohne Aufgabe der persönlichen und kulturellen Bindungen an ihre Heimat
Von dem Integrationsgipfel in Berlin erwarten wir uns ein noch besseres gegenseitiges Verständnis. Nicht nur die Migranten müssen lernen. Deutschland hat seit eh und je davon profitiert, dass Menschen aus anderen Ländern sich hier niedergelassen und ihre Kultur und ihre Fähigkeiten mitgebracht und hier entfaltet haben. Das Verständnis des jeweils anderen beginnt mit der Kenntnis seiner Religion. Wir halten es daher für wichtig, dass wir in Deutschland auf Deutsch griechisch-orthodoxen Religionsunterricht erteilen, dass man an deutschen Universitäten Orthodoxe Theologie studieren kann, auch um Religionslehrer für den deutschsprachigen Religionsunterricht auszubilden. Aus der Kenntnis entsteht Toleranz und Vertrauen. Vertrauen und Anerkennung können die Basis dafür schaffen, dass unterschiedliche Gruppen sich in Staat und Gesellschaft engagieren, unterschiedliche Wertesysteme respektieren und in ihre persönliche Erfahrungswelt integrieren. Es ist eine Realität, dass das moderne Deutschland von der gleichzeitigen Anwesenheit unterschiedlicher Kulturgruppen geprägt ist. Dies muss weder zur Bildung von sogenannten „Parallelgesellschaften“ oder gar von Ghettos führen, noch zu einer bedingungslosen Anpassung an die hiesige Kultur. Statt einer weder möglichen noch wünschenswerten Assimilation wünschen wir uns ein lebendiges Miteinander der Religionen und Kulturen, in dem der gegenseitige Respekt im beständigen Austausch und Gespräch gelebt wird.
Die Migranten der zweiten und dritten Generation, die heute in Deutschland leben und aufgewachsen sind, werden in der großen Mehrheit hier bleiben und ihren Lebensmittelpunkt hier behalten. Sie haben daher ein Recht darauf, als Bürger dieses Landes anerkannt zu werden, Politik und Gesellschaft sollten ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie selbstverständlich dazu gehören. Dies wird Migranten Ansporn sein, sich hier zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen.
Es wäre ein großes Versäumnis, den Anschluss dieser jungen Menschen an die Gesellschaft, in der sie leben, nicht zu fördern und ihnen damit die Möglichkeit zu nehmen, ein positives Selbstverständnis und eine stabile Identität zu entwickeln. Auch wenn die Elterngeneration sowohl auf deutscher als auch auf Migrantenseite Fehler gemacht hat, ist es nun höchste Zeit, diese zu korrigieren und sich an die Ausarbeitung konkreter Angebote zu machen.
In diesem Zusammenhang ist auch die Sprache, insbesondere bei Kindern und jungen Menschen mit Migrationsintergrund von höchster Wichtigkeit. Zum einen ist es unabdingbar, dass diese Kinder schon von klein auf die deutsche Sprache erlernen, um später in Schul- und Berufslaufbahn, aber auch im täglichen Leben keine Benachteiligung zu erfahren. Wir begrüßen daher die Initiative sehr, bereits im Kindergarten Deutsch-Sprachkurse anzubieten.
Genauso wichtig ist es aber auch, dass diese jungen Menschen die Sprache ihrer Eltern und ihrer Ursprungskultur beherrschen und sich in ihr ebenso ausdrücken können wie im Deutschen. Besondere Sensibilität gilt es hier von deutscher Seite gegenüber den Eltern dieser Kinder aufzubringen, die oft die Angst hegen, über die deutsche Sprache ihre Kinder zu verlieren und ihnen eine ungewollte Assimilation an die deutsche Kultur aufzuzwingen. Doch nicht nur wegen der Eltern ist die Beibehaltung einer eigenen Kultur auch für die junge Generation wichtig: Allzu oft hat es sich gezeigt, dass Kinder und Jugendliche, die weder die deutsche noch die Herkunftssprache wirklich gut beherrschen und sich in keiner der beiden Kulturen sicher und zu Hause fühlen, auch Probleme in der Ausbildung eines gesunden Selbstbewusstseins haben. Aus vielen Gesprächen wissen wir, dass ein Mensch, der nicht von Kindheit an in einer Kultur tiefe Wurzeln geschlagen und dadurch eine stabile Identität entwickelt hat, zeitlebens an seiner Entwurzelung und „Schizophrenie“ leiden wird.
Wenn es möglich ist, den eigenen kulturelle Hintergrund nicht etwa als Bedrohung oder Belastung, sondern vielmehr als Bereicherung wahrzunehmen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die hier lebende Mehrheitsbevölkerung, dann wird es auch für diese jungen Menschen leichter sein, sich im positiven Sinne an die hiesige Gesellschaft anzupassen. Mehr noch, die Mehrsprachigkeit könnte in einer sowieso immer kleiner werdenden Welt nicht als Mangel, sondern als große Chance empfunden werden; denn Menschen mit einem solchen Hintergrund können in Zukunft als Botschafter und Vermittler zwischen den Kulturen des Mutterlands und des Gastlands eine wichtige Brückenfunktion in der Zukunft einnehmen.
Von allen Seiten – nicht nur von der deutschen Politik und Bevölkerung, sondern auch von den im übrigen sehr heterogenen Migrantengruppen - sind Zugeständnisse nötig, um das friedliche Miteinander, das weithin schon Wirklichkeit ist, noch mehr zu fördern und voranzutreiben. Für ganz besonders bedeutsam halten wir hier die Rolle, die die Kirchen und die Kirchengemeinden spielen können, die durch gemeinsame religiöse und kulturelle Feste und Feierlichkeiten das Zusammenwachsen der Menschen an der Basis der Gesellschaft fördern. Die Integration, die von der Politik theoretisch vorbereitet wird, ist praktisch in den Gemeinden und durch den Dienst von Geistlichen im täglichen Kontakt mit ihren Gläubigen eine lebendige Realität.
Auf diesem Wege wird es sicherlich immer wieder Hindernisse und Stolpersteine geben. Wichtig ist, dass er trotzdem beschritten wird und dass man miteinander im Gespräch bleibt. Von dem Integrationsgipfel erwarten wir uns daher weitere Schritte in diese Richtung.
Im übrigen sollten wir uns durch
Fachleuten informieren und beraten lassen, ob der Islam an sich
demokratie- und integrationsfähig ist und sich an die Verhältnisse in
der hiesigen Gesellschaft anpassen kann. Auf jeden Fall aber sollte von
der heranwachsenden Generation mit Migrationsintergrund bei einem Antrag
auf die deutsche Staatsbürgerschaft die perfekte Beherrschung der
deutschen Sprache gefordert werden – in ihrem eigensten Interesse.