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ERZPRIESTER CONSTANTIN MIRON

Orthodoxe Anmerkungen
an der Schwelle
zum neuen Jahrtausend


Aus orthodoxer Sicht sollen hier einige Anmerkungen - womöglich etwas unorthodoxe Anmerkungen - gemacht werden. Erwartet wird vom Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Nordrhein-Westfalen eine Art Standortbestimmung oder gar Zeitansage.
Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, wo vielfach von einer Krise in der weltweiten Ökumene gesprochen wird. Kein Geringerer als Patriarch Alexij II. von Moskau hat in einem Interview, das diese Woche erschien, von einer sehr starken Stimmung gegen die Ökumene in seiner Kirche berichtet(1); und die Schwierigkeiten der Orthodoxie in und mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen sind leidlich bekannt. Gestatten Sie mir jedoch, in meinen knappen Ausführungen aus der Sicht eines orthodoxen Christen in Deutschland insbesondere die Situation in unserem Land zu skizzieren. Ich möchte dabei nicht nur Rückschau halten auf das zu Ende gehende Jahrhundert, sondern auch einen Ausblick wagen auf vor uns liegende Aufgaben und Herausforderungen.

Was hat sich verändert?

Wie hat sich also in den letzten hundert Jahren die Einstellung zur Orthodoxie in unserem Land verändert !?
Nein, hier soll nicht wieder Adolf von Harnack zitiert werden mit seinem Urteil über die Orthodoxie(2), auch nicht die vernichtenden Urteile anderer echter oder vermeintlicher Kenner und Freunde des orthodoxen Christentums aus der Zeit vor 100 Jahren. Denn es darf ja nicht vergessen werden, dass die gleiche vergangene Jahrhundertwende auch die Zeit eines Prinzen Max von Sachsen(3) ist, eines Philipp Meyer(4) und vieler anderer, deren Urteil sicher günstiger für die Orthodoxie ausfällt.
Ernst Benz hat sich mit der Ursachenforschung des Orthodoxie-Bildes im Westen beschäftigt und schreibt dazu:
"Im Geschichtsbild des Abendlandes ist kein Gebiet der Kirchengeschichte von so vielen Vorurteilen und Schlagworten beherrscht wie das der östlich-orthodoxen Kirche. Diese Vorurteile sind gleichzeitig politischer und religiöser Natur und spiegeln die dramatischen Kämpfe wider, die sich im Verlauf der Begegnung und Auseinandersetzung des östlichen und westlichen Christentums in den letzten Jahrhunderten abgespielt haben und bis zum heutigen Tage abspielen. Fast alle noch heute herrschenden Urteile des römisch-katholischen und des protestantischen Westens über die östliche Christenheit sind kirchliche oder politische Kampfparolen, die in irgendeiner der verschiedenen geschichtlichen Kampfesphasen entstanden und sich in dem Geschichtsbewusstsein des Westens stabilisiert haben. Dies gilt in einem ganz besonderen Maße für Deutschland, für dessen Geschichte die Mittellage  zwischen Ost und West schicksalhaft geworden ist."(5)
Bei der Analyse dieser Urteile (oder Vorurteile) über das östliche Christentum erkennt Benz dabei
- politische  Urteile
- den baltischen Russland- Mythos
- die protestantische  und
- die römisch-katholische Bewertung der  Orthodoxie.
Interessant ist dabei, dass für die deutsche Bewertung der Orthodoxie vor allem  jene geschichtliche Gestalt der Ostkirche herangezogen wurde, mit der  Deutschland zunächst konfrontiert war, nämlich der russisch-orthodoxen Kirche. Und so kann - gerade auch wegen der vielfach nicht-theologischen Faktoren in der Begegnung mit der Orthodoxie festgestellt werden: "In der Beurteilung der  Orthodoxie spiegeln sich alle Phasen der Russophobie und Russophilie deutlich  wider."(6)
Nicolas Zernov, einer der Pioniere der ost-westlichen Begegnung, stellt im Rückblick auf das 20. Jahrhundert für die anglikanisch-orthodoxen Beziehungen fest:  "Das 20. Jahrhundert brachte einen erheblichen Anstieg offizieller und inoffizieller  Kontakte zwischen Anglikanern und Orthodoxen, vertiefte aber auch den Graben  zwischen beiden Kirchen, da sie sich ein realistischeres Bild vom jeweils anderen  machen konnten."(7) Und diese Feststellung lässt sich m.E. ohne weiteres auf die  Verhältnisse in Deutschland übertragen.
Am Ende des Jahrhunderts heißt es deshalb, der Frage nachzugehen, was überwiegt in unserem Land: die Kontakte und Annäherung zwischen den Kirchen des  Ostens und des Westens oder die Gräben und Vor-Urteile?

Kontakte und Annäherung ...

Die Exotik und Fremde des "von der Weltgeschichte vergessenen Südostens"(8) ist  nicht mehr gegeben: Durch die Aufnahme Griechenlands in die Europäische Gemeinschaft als erstem konfessionell mehrheitlich durch die Orthodoxie geprägten  Land sind Griechen sogenannte EU-Inländer geworden, sie beteiligen sich etwa  bereits an den Kommunalwahlen usw. Und auch die russische Orthodoxie ist - ebenso wie die anderen orthodoxen Traditionen - vor und nach dem  Zusammenbruch jener Ideologie, vor der tausende und abertausende orthodoxer  Christen nach Deutschland flüchteten, in unserem Land präsent. Die Orthodoxie ist in den Amtsstuben der Kultusministerien ebenso eine feste Größe wie in den  mailing-Listen der Werbeagenturen; die Medien nehmen sie zur Kenntnis ebenso wie die Politiker jeder Couleur und auf allen Ebenen.

Das heißt, man könnte sich zufrieden zurücklehnen und sagen: Klassenziel  erreicht.

... oder Gräben und Vorurteile?

In diesen Tagen des Jugoslawienkrieges hatten wir - so meine ich - aber auch die  Gelegenheit, wie in einem Brennspiegel, die gesamte Entwicklung im west- östlichen Beziehungsdrama eines Jahrhunderts mitzuverfolgen.
Wenn ich hier etwa aus dem Geheimtelegramm Nr. 1564 des stellvertretenden  russischen Außenministers an die russischen Botschafter in Paris und London, wo es um die Stabilität auf dem Balkan geht, Sätze wie folgende zitiere "Die  Erregung <in der Region> werde noch steigen, wenn sich herausstellen sollte,  dass die Albaner, die zu den Waffen gegriffen haben, wesentliche Resultate  erzielen" oder Man muss die Vorrechte der Albaner nach Möglichkeit  einschränken", dann geht es nicht um Stabilitätspakt und UCK, sondern um die  Haltung Russlands im Ersten Balkankrieg. Das Telegramm stammt nämlich vom  5./18. August 1912!(9) Die Geschichte wiederholt sich!
Doch auch die christlichen Kirchen waren nicht untätig in diesem  Beziehungsdrama. Man hat zwar vielfach darauf hingewiesen, dass dies kein  Religionskrieg ist. (Zuletzt hat dies in überzeugender Weise Georgios Tsetsis,  der ständige Vertreter des ökumenischen Patriarchats beim Ökumenischen Rat der Kirchen getan.)10
Aber da war etwa der verzweifelte Appell des Papstes an die NATO, zumindest  am "ersehnten und heiligen Tag, der Feiern Feier, der Volksfeste Volksfest"(11), wie  die orthodoxen Christen das Osterfest nennen, in der Bombardierung  Jugoslawiens innezuhalten, der kein Gehör fand. Offensichtlich gab es niemand in Washington, London, Brüssel oder - verzeihen Sie - Bonn, der den  Verantwortlichen eindringlich genug sagen konnte: "Da Ihr nicht müde werdet zu  wiederholen, dass diese Angriffe nicht gegen das serbische Volk gerichtet sind,  das Ihr nach Euren Angaben nach Europa zurückführen wollt, müsst Ihr, wenn Ihr  langfristig plant, diesem "Fest der Feste" der orthodoxen Kirche eine  Bombennacht opfern!"
Und es wäre an dieser Stelle ein Leichtes zu lamentieren: "Ach, wie unverstanden  sind wir Orthodoxen doch!" Und von da ist es dann nur noch ein Schritt zu den diversen Verschwörungstheorien, nach dem klassischen Dreisatz: niemand versteht  uns, niemand mag uns, alle sind gegen uns.
Meiner Meinung nach, kann es aber nicht darum gehen, sich zu beklagen, dass  man uns nicht zur Kenntnis nimmt, sondern gewissenhaft und selbstkritisch zu  fragen, was haben wir getan, damit man uns zur Kenntnis nimmt.
Eine Kirche jedoch, die in jeder Göttlichen Liturgie das Sündenbekenntnis des  Paulus "deren Erster ich bin" wiederholt, wird gut daran tun, die Frage zu stellen: was  haben wir orthodoxen Christen getan, um Mittler zwischen Ost und West zu sein?  Inwieweit hat unsere Präsenz in diesem Land in den letzten Jahren dieses  Jahrhunderts Auswirkungen gehabt auf Urteile und Einschätzungen des Westens ? Und liegen hier nicht unsere Herausforderungen im Hinblick auf das 21. Jahrhundert?

Aus dem Geist der Väter

Der unvergessene Wilhelm Nyssen pflegte von der "Erneuerung der westlichen  Welt aus dem Geist der Väter"(12) zu sprechen und er meinte damit, wenn ich ihn  recht verstanden habe, den Geist der Ostkirche. Osten war für ihn nicht so sehr  ein geographischer Begriff, sondern ein theologischer Begriff. Nicht der Ort  (TOPOS) deines Lebens rettet dich, schreibt Johannes Chrysostomos, sondern  die Art und Weise deines Lebens (TROPOS).(13)
In der Tat: für die orthodoxen Christen stellt der Geist der Väter in der  ungeteilten Alten Kirche einen wesentlichen Ausgangspunkt für alle  Zukunftsplanungen dar. Es geht dabei nicht um ängstliche Mimetik, sondern um  den freien und kreativen Umgang mit der Tatsache, dass es schon zu jener Zeit eine legitime Vielfalt von Traditionen und unterschiedlichen Eigenschaften innerhalb der Kirche gab, ohne dass dabei ihre Einheit in Frage gestellt wurde.
Dies setzt allerdings das Bewusstsein der Einheit unter uns Orthodoxen und und unter uns Christen voraus. Die Initiative der Arbeitsgemeinschaft christlicher  Kirchen in Deutschland, zu deren aktiven Mitgliedern die orthodoxe Kirche  unseres Landes zählt, in den nächsten Jahren einen gemeinsamen Prozess der  Mission und Evangelisation zu fördern, scheint mir hier wegweisend.
Denn Einheit kann nicht das Fachgebiet einiger Spezialisten in unseren Kirchen  sein, sondern steht im Mittelpunkt unserer Verkündigung und unseres Lebens. Diese Botschaft gilt es überall und immer wieder neu zu verkünden. Denn erst wenn  dies allen vermittelt werden kann, können alle möglichen "Ökumene-Modelle" mit  Leben erfüllt werden. Metropolit Augoustinos hat es einmal so formuliert: "Unsere  Präsenz als orthodoxe Christen im Land des Miteinanders von Katholizismus und  Reformation ist kein Zufall der Geschichte, sondern Gabe und Aufgabe  zugleieh."(14)
 Doch dies setzt ein bewusstes Kennenlernen des ökumenischen  Partners und den konkreten theologischen Dialog mit ihm voraus. Und hier scheint  eine weitere Aufgabe auf die Orthodoxe Kirche in diesem Land zuzukommen: Im Gegensatz zu vielen unserer orthodoxen Geschwister, die jahrzehntelang in politischer, nationaler oder konfessioneller Isolation gelebt haben, haben wir als  Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland die Möglichkeit und Chance,  die westliche Christenheit kennenzulernen und auch zu befruchten. Dadurch  können wir nämlich auch unseren Mutterkirchen in den Heimatländern wertvolle  Hilfestellung leisten.
Die Gründung und der Aufbau der Ausbildungseinrichtung für orthodoxe Theologie  in München haben hier - ebenso wie Lehr- und Forschungseinrichtungen an anderen deutschen Universitäten - Maßstäbe gesetzt und wir erwarten weiteres  pionierhaftes Handeln auf dem Gebiet der Theologie und der Religionspädagogik - wo-möglich auch der Erwachsenbildung im klassischen  Sinne.
Das 21. Jahrhundert muss in den Kirchen das Jahrhundert der Theologie, oder besser: der Rückkehr zur Theologie, werden! Dann erst wird es uns ja auch gelingen,  die gegenseitigen - nicht theologisch bedingten - Vorurteile und Verurteilungen zu  überwinden!
Wenn also orthodoxe Präsenz in diesem Land nicht exotisches Beiwerk einer  mehr oder weniger funktionierenden Ökumene sein soll, so wird es in den  nächsten Jahren unsere vordringliche Aufgabe sein, diesen Mittlerdienst in Bescheidenheit und Treue wahrzunehmen, um Kenntnis vom anderen zu  erwerben, um Kenntnis von sich selbst weitergeben zu können.
In der Missionstheologie entdecken wir erneut den Begriff der Konvivenz, der  geistlichen Symbiose. Im Sprachgebrauch der Väter bezeichnet SYMBIOSIS nicht nur das tatsächliche Miteinanderleben (sogar von Eheleuten), sondern die  mystische Seele der Nähe zu Christus.
Christusnähe der Kirchen als Gegenprogramm zur Christusferne der Welt?  Dostojewski, den man in Anlehnung an seine Romanfigur Wersilow als den "letzten  Europäer" bezeichnet hat, kommt einem in den Sinn, der vom wiederkehrenden  Christus schreibt, der auf die verwaisten Menschen zukommt, ihnen die Hände entgegenstreckt und sagt: "Wie konntet ihr mich vergessen?".(15)
Es liegt also noch Arbeit vor uns. Ein langer Weg des Vermittelns, eine lange Auseinandersetzung mit den neuen und alten Häresien der Gottvergessenheit liegt  noch vor uns. Gestatten Sie mir deshalb, im 250. Jahr nach seiner Geburt, Johann  Wolfgang von Goethe zu zitieren,

"Zwei Gegner sind es, die sich boxen,
die Arianer und die Orthodoxen;
durch  viele Säkla dasselbe geschicht,
Es dauert bis an das Jüngste Gericht."(16)

                                                                                                                Erzpriester Constantin Miron  (Brühl)
                                                                                                                Vorsitzender der
                                                                                                                Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen
                                                                                                                in Nordrhein-Westfalen
 

(1)    Interview in FOCUS 23/1999 S. 254f.
(2)    Abgedruckt etwa in: Quellenbuch zur Geschichte der orthodoxen Kirche. Hrsg. v. Nikolaus Thon, Trier 1983, S. 473f.
(3)    Zu seiner Person vgl. RGG2, III, Sp. 2055.
(4)    Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde zu Smyrna (1881-1888), zu seiner Person vgl. RGG2, III, Sp. 2174.
(5)    Geläufige Urteile und Vorurteile über die östlich-orthodoxe Kirche. Enzyklopädisches Stichwort. In: Ernst Benz, Geist und Leben der Ostkirche. Hamburg 1957, S. 179
(6)    ebd
(7)    "The twentieth century brought a marked increase of official and unofficial contacts between the Anglicans and the Eastern Orthodox, but it also deepened the cleavage between these two Churches, for they acquired a much more realistic picture of each other." In Nicolas Zernov, Orthodox encounter, London 1961, S. 148.
(8)    Richard Kunisch, Bukarest und Stambul. Skizzen... Berlin 1861. S. 110.
(9)    Der diplomatische Schriftwechsel Iswolskis 1911 - 1914. Hrsg. im Auftrage des deutschen Auswärtigen Amtes. Berlin 1924, Bd. 2, S. 227.
(10)  s. ENIMEROSIS, 1999/5 (in griech. Sprache).
(11)  Osterkanon des Johannes von Damaskus. Zit.n.:Osterjubel der Ostkirche, Münster 1961, S. 22f.
(12)  Vgl. etwa: Wilhelm Nyssen, Irdisch hab'  ich dich gewollt, Trier 1982, S. 57 ff.
(13)  P. G. 49, 344
(14)  Interview in "DER WEG", Nov. 1998
(15)  Vgl. Hans von Eckardt, Russisches Christentum, München 1947, S. 313
(16)  Goethe, Gedichte hrsg. von Erich Trunz, München 1999, S. 334
 


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