Anhang zum Dokument „Das Sakrament der Weihe“
Der folgende Text eines Kommissionsmitglieds wurde von der Gemeinsamen Kommission der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zustimmend zur Kenntnis genommen, aufgrund seines anderen Textcharakters jedoch nicht in das Dokument integriert.
Erzpriester Constantin Miron
Der pastorale
Dienst
des Priesters
Jesus Christus sagt: „ Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“ Und: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh 10, 11 u. 27). Diesem „guten Hirten“ (lat. pastor ) hat der Bischof – und in seinem Auftrag der Priester – nachzufolgen. In einem Gebet zur orthodoxen Bischofsweihe heißt es: „Du Selbst Christus, laß auch diesen Deinen Knecht, der zum Verwalter der bischöflichen Gnade erwählt worden ist, werden zu Deinem, des wahren Hirten, Nachahmer, der Du Dein Leben ließest für Deine Schafe.“[1] Dann bekommt der Neugeweihte das Omophorion mit den Worten „Er ist würdig" vom Konsekrator umgelegt. Es versinnbildlicht das verlorene Schaf, das der gute Hirte retten soll, daher war es wohl auch früher aus weißer Schafwolle gefertigt (wie heute noch im Bereich der römisch-katholischen Kirche).[2]
So versteht es sich von selbst, dass die Beziehung des Priesters zu seiner Gemeinde als „Pastoral“ bezeichnet wird. Dieser Dienst steht allerdings nicht im Gegensatz zum Amt der Wortverkündigung und zum gottesdienstlichen (kultischen) Wirken des Priesters. Auch beschränkt er sich nicht auf die Leitung einer konkreten Gemeinde, welche ihm anvertraut ist. Die drei Dienste des Predigens, des Gottesdienstes und der Gemeindeleitung sind verschiedene Ausdrucksformen der Liebe des Hirten. Wie der Gute Hirte in den Evangelien muss der Priester zwischenmenschliche Beziehungen zu denen entwickeln, die seiner Sorge anvertraut sind, so wie Jesus die Seinen kennt und die Seinen ihn kennen.[3] Denn das neutestamentliche und von der Kirche weitergeführte Bild des Hirten, beinhaltet ja zwei Aspekte:
a) die Autorität des Hirten. So heißt es beim Überreichen des Bischofsstabes: „Nimm den Stab und weide die dir anvertraute Herde Christi. Den Gehorsamen sei Stab und Stütze. Gegenüber den Ungehorsamen und Wankelmütigen gebrauche diesen Stab jedoch zur Besserung und Erziehung.“[4]
b) die Liebe und Fürsorge des Hirten für seine Herde. Denn ein priesterliches Wirken, das nicht auf authentischer Liebe beruht, ist in seiner grundlegenden Aufgabe, Rechenschaft für die Gläubigen abzulegen, die einem anvertraut wurden, bedroht.[5]
Der Hl. Gregor von Nazianz bezeichnet die priesterliche Pastoral als „Kunst der Künste und Wissenschaft der Wissenschaften“, da sie das „meistgestaltige und äußerst unterschiedliche Lebewesen“ im Blick hat.[6] Einige Grundzüge der Beziehung zwischen dem Priester und den ihm anvertrauten Menschen seien im Folgenden skizziert.
Der pastorale Dienst als gelebte und bezeugte Wahrheit
Der Priester ist Nachfolger Christi, der von sich sagt: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“ (Joh 18,37). Denn in diese Nachfolge der gelebten Wahrheit wurden zuerst die Apostel berufen, dann die Kirchenväter, die auf den Konzilien die Wahrheit gegen die Häresien ihrer Zeit verteidigten, und überhaupt alle Bischöfe, die bis heute „das Wort der Wahrheit recht verwalten“[7]. Denn der Glaube der Kirche ist nicht Stein gewordenes Dogma, sondern gelebte, verkündete und gefeierte Wahrheit.
Und diese Wahrheit, die für uns einen Namen hat und die für uns Mensch geworden ist („Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ – Joh 14,6) gilt es vor der Welt (und vor der anvertrauten Herde) zu bezeugen: „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen“ (Mt 10,32). So wird der priesterliche Beruf zum täglichen Bekenntnis der Wahrheit sowohl vor den eigenen Gläubigen, als auch vor den Angehörigen anderer Kirchen oder auch Religionen, ohne religiösen Fanatismus oder gar Hass.
Der pastorale Dienst als gelebte und bezeugte Liebe
Aus dem Zeugnis der Wahrheit erwächst das Zeugnis der Nächstenliebe. So wie Jesus Christus zunächst den versammelten Fünftausend Sein Wort mitteilt und dann die Fische und die Brote vermehrt, um sie zu sättigen, so ist auch der Priester berufen, neben der Stillung des geistigen Hungers auch zur Linderung der materiellen Nöte der ihm anvertrauten Menschen und anderer tätig zu werden. Denn jede soziale Aktivität des Priesters soll Abbild der Philanthropie (Menschenliebe) Gottes sein. „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1 Joh 4,19).
So sind das Zeugnis der Wahrheit und der Dienst am Nächsten kein Widerspruch; sie ergänzen sich vielfach, wie an so vielen Heiligenviten deutlich ist: die großen Bischöfe der Kirche (etwa Basilius von Cäsarea oder Nikolaus von Myra) waren Lehrer des Glaubens und soziale Vorbilder.[8]
Der pastorale Dienst an der Schwelle des Lebens
Des Christen natürliche Geburt ist nicht seine eigentliche; sein christliches Leben gründet ganz eigentlich in der Taufe, welche seine Wiedergeburt „aus Wasser und Geist“ (Joh 3,5) ist. Beruht doch christliches Leben nicht zunächst auf einer Zustimmung des Verstandes zu den Lehren Christi und auf einer Zustimmung des Willens zu seinen Geboten; es ist vielmehr ein Eingepflanztwerden in die Wahrheit Christi; es beginnt durch die Einweihung in Christus, die das „Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist“ (Tit 3,5) ist.
Deshalb ist für den Christen andererseits auch der Tod nur das Ende jenes Lebens, das in der natürlichen Geburt begann, jenes Lebens, das alle Menschen haben. Für das Leben, das in der Taufe begann, ist der Tod kein Ende, nicht etwas, das den Menschen ein für allemal auslöscht, sondern ein Übergang aus dem Verhüllten ins Offenbare, aus dem Glauben ins Schauen, aus der Pilgerschaft in die Heimat, aus der Bewährung in die Vollendung.[9]
Hier wie dort ist der Priester berufen, in Liebe und Demut präsent zu sein; nicht nur als Verkünder der Frohen Botschaft, nicht nur als Zelebrant des Mysteriums, sondern auch und vor allem als Wegbegleiter. Es ist dieselbe Wegbegleitung, die bei so vielen Mysterien der orthodoxen Kirche bildlich dargestellt wird, ob es sich nun um die Taufe, die Trauung oder die Priesterweihe handelt. So heißt es über die orthodoxe Trauung: „Der Krönung folgt als Ausdruck der Freude eine Art Freudentanz mit dem Evangelium – das die Gegenwart Christi darstellt – in dessen Verlauf man gleichzeitig Jesaja und die heiligen Märtyrer anruft.“[10]
Der pastorale Dienst als Zeugnis des Eschatons
„Das priesterliche Amt ist nicht bloß ein Job, kein Beruf mit einer begrenzten täglichen Dienstzeit, mit regelmäßigem Einkommen und vertraglichen Ruhe- und Erholungszeiten. Obwohl auch Zeit für Gebet und Stille gefunden werden muss, ist die Berufung eine allumfassende, so daß der Priester in gewissem Sinne immer im Dienst ist.“[11] Dieses „immer“ bezieht sich aber nicht nur auf die Gegenwart. Dies wird bei der Feier deutlich, wenn der Priester während der Gabenbereitung (Proskomidie) für die Göttliche Liturgie der orthodoxen Kirche Brotpartikel auf den Diskos (Patene) legt und dabei die Lebenden und die Toten kommemoriert. Anschließend legt er eine weitere Brotpartikel für sich selbst auf den Diskos.[12] In gewisser Weise steht er zwischen den Lebenden und den Toten, er versieht seinen pastoralen Dienst an den Menschen, ohne auf die Grenze des Todes zu achten. Ein zeitgenössischer orthodoxer Priester beschreibt dies folgendermaßen: „Mich hat immer, besonders im letzten Jahr der rasche Lauf der Zeit in Schrecken versetzt; das geschah darum, weil ich unbeweglich stand, auf der Stelle trat. Jetzt, mit dem Entschluß, die Weihen zu nehmen, schritt ich quer durch die Zeit, oder richtiger: ich tauchte in eine Tiefe, wo die Zeit unwirklich ist.“[13]
So gilt, was Josef Sellmayr schreibt: „Der Priester als solcher ist der Welt, auch jener die ihn nicht grundsätzlich hasst, etwas Fremdartiges, eine Erscheinung, die irgendwie Staunen und Verwunderung erregt. Sie wundert sich über sein Dasein, weil sie sich über sein Anderssein wundert.
Selbst seinen Freunden und Vertrauten bleibt der Priester im Letzten fremd und unverstanden, auch wenn er selbst darunter leiden mag. Er ist immer der Outsider, der nicht von dieser Welt sein soll, der ein für alle mal aus der menschlichen Sphäre herausgenommen ist, immer als Fremder und Fremdling empfunden wird. Der Ausgestoßene, den man doch wieder nicht entbehren kann, der Verachtete, vor dem man dennoch auf den Knien liegt. Er ist der Gezeichnete, der Abgesonderte, der am Rand des Lebens Stehende, den man doch immer wieder in dessen Mitte holt, er ist der Höchste und zugleich Niedrigste, der Erste und zugleich der Letzte, der Reichste und zugleich Ärmste, er steht an der Grenze zwischen gesund und krank, zwischen Mann und Frau, am Rande, wo sich die Sphären berühren, er, der Mystagoge, der Diener der Mysterien, ist selbst vom Geheimnis umgeben, in Zwielicht getaucht.“[14]
[1] Stillgebet des konsekrierenden Bischofs bei der orthodoxen Bischofsweihe. Zit. n. Mysterium der Anbetung Bd. III, Köln 1988, S. 230
[2] Vgl. Liturgische Geräte und Gewänder der Ostkirche, München 1962, o.S.
[3] Vgl. Jean Galot, Theology of the Priesthood, San Francisco 1984; zit. n. Avery Kardinal Dulles, Priester Christi, Augsburg 2004, S. 74.
[4] Zit. n. Mysterium der Anbetung Bd. III, Köln 1988, S. 231
[5] Vgl. Ion Buga, Pastorala, Calea preotului, Bukarest 1999, S.170
[6] Zit. n. Αλεξάνδρου Σταυροπούλου, Ποιμαντική πολλαπλών διαδρομών, Αθήνα 1996, σελ. 5
[7] Chrysostomos-Liturgie.
[8] Μητροπολίτου Ναυπάκτου και Αγίου Βλασίου Ιεροθέου, Η ποιμαντική της πολυπολιτισμικότητας, Φεβ. 2004, S. 37 ff.
[9] Vgl. Athanasius Winterswyl, Laienliturgik, Bd. 2, Kevelaer 1938, S. 138f.
[10] Gott ist lebendig. Ein Glaubensbuch der orthodoxen Kirche, Münster 2002, S. 360
[11] Avery Kardinal Dulles, Priester Christi, Augsburg 2004, S. 94.
[12] Vgl. Die Göttliche Liturgie der orthodoxen Kirche: deutsch – griechisch – kirchenslawisch. Hrsg. und erläutert von Anastasios Kallis, Münster 2000, 4. Aufl., S. 38.
[13] Alexander Eltschaninow, Aufzeichnungen, Hamburg/München 1964, o.S.
[14]
Zit. n. Vom Geheimnis der Priester, Zusammengestellt und hrsg. v.
Reinhold Franz, München 1958, S. 9.