Erzpriester Peter Sonntag
(Vortrag auf dem 4. OJB-Jugendtag in München am 23.03.2002)
Die Göttliche Liturgie ist der Mittelpunkt des Lebens der Kirche.
Sie ist die Versammlung der Gläubigen in der Zeit und im Raum. Sie holt
uns aus der Zerstreuung heraus und versammelt uns zu dem, was wir durch die
Taufe und die Myronsalbung geworden sind:
der Leib Christi. Die Versammlung der Eucharistie, die seit den frühesten
Zeiten "syna-xis" genannt wird, ist die "Dar-stellung" dieses Leibes, die
Vereinigung der vielen Glieder mit dem einen Haupt Christus in der Kraft
des Heiligen Geistes. Der Tod und die Auferstehung Christi ereignen sich
in der Göttlichen Liturgie an allen, die das Fleisch gewordene göttliche
Wort empfangen: "Allen aber, die Ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes
zu werden" (Jo 1,12).
Keiner von uns kann für sich allein diesen Leib Christi darstellen. Die Kirche ist ja im Wortsinn die Gemeinschaft der durch den Glauben an Christus Versammelten. Die eucharistische Versammlung macht uns zu dem, was wir sind.
"Gepriesen sei das Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!"
Diese Versammlung hat ein Urbild: die Heilige Dreiheit, den vorewigen "Konvent" der Göttlichen Personen. Anders als seine Mitgeschöpfe ist der Mensch nicht nur durch einen göttlichen Befehl ins Dasein getreten. Der Schöpfungsakt, aus dem der Mensch nach Gottes "Bild und Gleichnis" hervorgeht, ist die Zwiesprache, der Dialog der göttlichen Personen: "Lasst uns den Menschen schaffen ..."
Die Göttliche Liturgie ist diejenige Versammlung, durch die wir uns, jeder einzelne und alle gemeinsam, als Bild und Gleichnis der Heiligen Dreiheit, erkennen und verwirklichen: "Lasset uns einander lieben, damit wir eines Sinnes bekennen - den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die wesenseine und unteilbare Dreiheit".
Die Göttliche Liturgie ist ein Abbild dieses Dialoges und eine Neuschöpfung des Menschen in der Gemeinschaft der Heiligen. Die Versammlung ermöglicht die "Kommunion" (koinonia), die uns kat' eikona auf die Heilige Dreiheit bezieht. Kein Mensch kann für sich selbst sein, was er als Gottes Bild, kat' eikona, ist.
Göttliche Liturgie als Versammlung/synaxis geschieht auf zwei Ebenen: erstens der physischen und zweitens der metaphysischen.
Zur physischen Ebene gehört:
1. das Zusammenkommen im konkreten Sinn des Kommens, des Sich - Einfindens,
des gemeinschaftlichen Anwesend-Seins.
2. der Raum der Zusammenkunft: die Kirche im Sinn des Tempels/naos
und seiner Struktur: die Architektur, die Ikonen, also die Organisation
des Raumes - die synchrone Präsenz.
3. die liturgische Handlung - die diachrone Präsenz
Die metaphysische, die eigentliche Versammlung geschieht durch die Kraft des Heiligen Geistes. So singen wir z. B. in der Vesper von Palmsonntag: "Heute hat uns versammelt die Gnade des Heiligen Geistes ..." Die Bereitung des Fastens mündet in die Feier des Todes und der Auferstehung des Herrn.
In der Basiliusliturgie heißt es unmittelbar nach der Epiklese: "Uns alle aber, die wir teilnehmen an dem einen Leib und dem einen Kelch, vereinige miteinander zur Einheit des einen Heiligen Geistes". In der liturgischen Versammlung finden wir zu der Einheit, in der Christus, der neue Adam, alles in allen ist. Das vollkommene Bild dieser Versammlung ist die liturgische Feier als solche, aber auch die Darstellung der ganzen Kirche auf dem Diskos.
Woran liegt es, dass wir die Liturgie oft nicht als diese Versammlung und Geburt und Einverleibung in den Leib des neuen Adam Christus und damit als den eigentlichen Wandel und die Erneuerung unseres Daseins erfahren? Wir wollen uns einigen Fehlhaltungen und Missdeutungen zuwenden, die diese Wirklichkeit verdunkeln.
1. Die Individualisierung des liturgischen Lebens
Damit meinen wir den Umstand, dass viele Gläubige die Häufigkeit und die Art ihrer Teilnahme am Gottesdienst von ihren ganz individuellen religiösen Bedürfnissen abhängig machen. Taufe, Krönung, Krankensalbung, Beichte, Kommunion, Totengedächtnis, Brotsegnung, ja sogar die Göttliche Liturgie selbst werden "nach Bedarf" erbeten bzw. "bestellt" und "individuell" vollzogen. Dahinter steht die verbreitete Vorstellung, dass die Kirche in der Person des Priesters eine Dienstleistung garantiert, die die individuellen Bedürfnisse der Gläubigen "bedient". An die Stelle der "Versammlung", des Gottesdienstes der Gemeinde, tritt eine weitgehend "private" seelsorgliche "Betreuung" gläubiger Individuen, die oft sogar tariflich geregelt ist. Dabei spielt der räumliche oder zeitliche Zusammenhang, also eine liturgische Orientierung im elementarsten Sinn, eine, wenn überhaupt, nur untergeordnete Rolle.
Im Vergleich mit dieser "Primärversorgung" wird der öffentliche Gottesdienst der Kirche im Rhythmus des Tages, der Woche, des Jahres, des lunaren und des solaren Zyklus zweitrangig und weitgehend zu einem Gegenstand der Beliebigkeit: Ich ordne meine Partizipation meinen individuellen Bedürfnissen und Wünschen unter.