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31.12.2015 19:45 Alter: 3 yrs

Neujahrsbotschaft 2016

des Metropoliten von Deutschland und Exarchen von Zentraleuropa Augoustinos


Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!

 

Heute feiern wir zugleich Neujahr und das Fest des hl. Basilius d. Gr. Gesegnet sei dieses neue Jahr für die, die sich freuen, heute ihren Namenstag zu feiern, für alle Gläubigen unserer Griechisch-Orthodoxen Metropolie und für die ganze Welt!

 

Die großen Feste des Kirchenjahres sind bekanntlich mit vielen volkstümlichen Bräuchen verbunden. Einer davon ist der Gesang der traditionellen „Kalanta“, die meistens am Vorabend der großen Feste dieser Tage gesungen werden. Die Sänger ziehen von Haus zu Haus, und ihr Besuch gilt als ein besonderer Segen. In der orthodoxen Weihnachtszeit werden die Kalanta am Heiligen Abend und an den Vorabenden von Neujahr und Epiphanie meistens von Kindern gesungen. Diese Kalanta handeln hauptsächlich von dem Ereignis, das der folgende Festtag feiert, und schließen stets mit Segenswünschen für die Hausherren, die ihrerseits die Sänger mit Süßigkeiten, jahreszeitlichen Früchten und einem Geldgeschenk entlohnen. In den seltenen Fällen, in denen die Sänger die Türe des Hauses verschlossen finden, weil die Hausherren sie nicht empfangen wollen, oder wenn der Geldbetrag zu gering ausfällt, beschließen sie ihr Lied mit Spottversen und nehmen sozusagen den Segen zurück, den zu bringen sie gekommen waren.

 

Wenn auch die Pflege dieses Brauchtums in Deutschland aus leicht verständlichen Gründen auf Schwierigkeiten stößt, habe ich doch mit Freude vernommen, dass es Gemeinden unserer Metropolie gibt, die sich darum bemühen, diese schöne Tradition fortzusetzen. Diese Tradition ist deshalb schön, weil sie zu der Kommunikation beiträgt, die mit dem Fest, der Freude und der Hilfsbereitschaft verbunden ist.

 

Dennoch, wenn wir auf unser – näheres oder ferneres – Umfeld blicken, werden wir entdecken, dass  es unter unseren Mitmenschen viele gibt, die zwar mitfeiern wollen, es aber nicht können. Die Armut, die Not, das Schicksal der Flüchtlinge und all die anderen Formen des Scheiterns unserer Zivilisation haben das Lächeln dieser Menschen in Tränen verwandelt. Sie werden mir sicher zustimmen, wenn ich behaupte, dass wir nicht fröhlich feiern können, wenn auch nur ein Mensch neben uns leidet. Der Hunger unserer Brüder in Not – Hunger im wörtlichen und im übertragenen Sinn: Hunger nach einer warmen Bleibe, nach einem Teller Essen, nach einem Paar Schuhe, nach einer herzlichen Umarmung – kann uns nicht gleichgültig und unberührt lassen.

 

Gewiss, oft halten wir uns für zu klein oder für unfähig zu helfen. Wir verlieren den Mut angesichts des Missverhältnisses, das zwischen unseren geringen Kräften und den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen in ihrem Leid herrscht. Es ist klar, dass wir die Welt nicht ändern können. Aber wir können zweifellos die Initiative dazu ergreifen, dass sich in unserem Lebensumkreis etwas ändert, so gering uns diese Änderung auch erscheinen mag. Die Liebe, die Christus uns gelehrt hat, gibt niemals auf! Ganz im Gegenteil: Alles hofft sie, alles erträgt sie. Sie wird jedes Mal dann erfindungsreich, wenn es gilt, den geringsten Brüdern Christi, denen, die das Notwendige entbehren, denen, die nichts besitzen, beizustehen und zu helfen. Aber auch dann, wenn es gilt, selbst denen zu verzeihen, die unsere Feinde sind.

 

Selbst wenn wir auf die Freude der Kalanta an unserer Haustür verzichten müssen, können wir doch – dazu möchte ich Sie einladen – an ihrer Stelle unsere Nachbarn, die in Not sind, als Kalanta-Sänger betrachten und dem Gesang ihrer Klage lauschen. Es ist wichtig, dass sie die Türen unserer Häuser unverschlossen und uns selbst bereit und geneigt finden, an ihrem Leiden und ihrem Schmerz Anteil zu nehmen und ihren Hunger und ihren Durst zu stillen. Christus selber sichert uns zu: Was immer wir aus Liebe tun, und sei es noch so gering, ist eine Gabe, die wir letztlich Ihm erweisen.

 

Es ist mein väterlicher Wunsch für uns alle, dass wir in dem heute beginnenden Jahr 2016 in fortschreitendem Maß die Fähigkeit entwickeln, in unseren Geschwistern unseren Herrn und Gott selbst zu erkennen und auf diese Weise ihr Trost, ihr Halt und ihre Freude zu werden.     

 

  

Bonn, den 1. Januar 2016

+ Metropolit Augoustinos von Deutschland