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16.05.2014 00:58 Alter: 5 yrs

ANSPRACHE

SEINER ALLHEILIGKEIT DES ÖKUMENISCHEN PATRIARCHEN BARTHOLOMAIOS


BEI DER VERLEIHUNG DER EHRENDOKTORWÜRDE

DER KATHOLISCHEN FAKULTÄT DER

LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT IN MÜNCHEN

16. Mai 2014

 

 

THEOLOGIE UND ERFAHRUNG

 

Eure Eminenz, Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising,

Hochwürdigster, in Christus geliebter Bruder und Mitliturg Metropolit Augoustinos von Deutschland,

Hochwürdigste Mitbrüder,

Spektabilität, sehr geehrter Herr Dekan dieser berühmten Fakultät,

Sehr geehrte  Professoren,

Liebe Studentinnen und Studenten,

 

Es ist in der Tat, sehr geehrter Herr Dekan und verehrte Vertreter der Wissenschaft der Theologie sowie liebe Studentinnen und Studenten dieser überaus bekannten theologischen Fakultät von München, an der auch unsere geringe Person und viele andere orthodoxe Kleriker und Laien die theologische Wissenschaft studiert haben, für uns eine große Freude heute zu dieser geistigen Einrichtung der Wissenschaft zu kommen, nachdem Sie beschlossen haben, uns den Titel eines Doktors honoris causa dieser Fakultät zu verleihen.

Wir nehmen diese Ehre an, welche dem Ökumenischen Patriarchat erwiesen wird, an dessen Spitze wir stehen und von dessen “Geist” wir inspiriert sind, einem ökumenischen weltweiten Geist, der die allgemein gültigen Werte der Menschen und die Besonderheiten jeder Nation und jedes Volkes respektiert.

Bei dieser Gelegenheit beglückwünschen wir Sie alle, die Lehrenden und die Studierenden, ebenso wie die Leitung dieser Fakultät, für Ihren geleisteten Einsatz für das Studium und das Zeugnis der Theologie. Möge Gott Ihnen Gesundheit, Kraft und Inspiration schenken, dass Sie dieses Werk eifrig und bewusst fortführen zum Wohl der Freunde der göttlichen Erkenntnis und Weisheit sowie der menschlichen Bildung, damit diese ihre Persönlichkeit weiter entfalten können und sie und wir die wahre Kenntnis „der Hoffnung, die uns erfüllt“ (1 Petr 3,15) haben.

            Die innere Bewegung und Freude des Ökumenischen Patriarchen heute hier bei Ihnen zu sein, hochwürdigster Herr Kardinal Marx und liebe Geschwister, wird noch verstärkt von der Tatsache, dass wir uns in wenigen Tagem in Jerusalem mit unserem Bruder, dem Vorsteher Ihrer Kirche, Seiner Heiligkeit Papst Franziskus von Rom treffen werden, um zu dem einen Herrn der Herrlichgkeit zu beten und unsere eigene und unserer Kirchen Verpflichtung und Hoffnung zu erneuern, die am gleichen Ort des Erdenwandels unseres Herrn vor genau 50 Jahren unsere verstorbenen Vorgänger Patriarch Athenagoras und Papst Paul VI.  gemeinsam bekannt haben. Es ist die Verpflichtung, im Dialog der Liebe und der Wahrheit voranzuschreiten, um durch Werke der Wahrheit die „verlorene Drachme“ wiederzufinden, nämlich die Einheit unserer Kirche, um den Willen des menschgewordenen Gottes, unseres Herrn, zu erfüllen, der in die Welt gekommen ist, nicht um sie zu richten, sondern um sie zu erretten, den Willen nämlich, dass alle eins seien.

            Wir werden uns mit unserem Bruder treffen, um Inspiration und Kraft für unseren mühsamen Weg zur Wiederherstellung der Einheit des Leibes der Kirche zu schöpfen; unser Vorbild wird dabei der hl. Apostel Andreas, der Erstberufene sein, von dem geschrieben steht: “er ertrug in jedem Land viele Widrigkeiten, er kämpfte mit vielen Schwierigkeiten, aber er überwand sie alle durch das Eingreifen und die Hilfe Christi” («Vita des heiligen Andreas » nach dem Konstantinopler Synaxarion).

            Bei dieser Begegnung werden wir noch sehnlicher für die Wiederherstellung der Einheit der christlichen Welt beten. Das Zerbrechen dieser Einheit hat viel Schlechtes über die Welt gebracht, es ist bis heute eine Provokation für die Menschheit und seine Folgen tragisch.

Die Philosophie der Aufklärung im Westen und die Französische Revolution haben eine wahre Revolution ausgelöst, um die frühere Tradition der westlichen Welt durch eine neue Auffassung vom Menschen und der Gesellschaft zu ersetzen. Eine Folge dieser Revolution ist in großem Maß der praktische Materialismus der heutigen Gesellschaften sowie die unterschiedlichen Formen des militanten Atheismus und Absolutismus, denen in den letzten zwei Jahrhunderten Millionen unschuldiger Menschen zum Opfer fielen.

            In einem derartigen kulturellen Unfeld, das durch diverse Vorgänge zum Verlust des Begriffs des Mysteriums Gottes und Seines lebendigen Kultes sowie zu einer Reduktion des religiösen Lebens auf eine humanistische Ethik geführt hat, wobei die dogmatischen, aber auch die moralischen Werte und Formulierungen relativiert wurden, findet das Gipfeltreffen der beiden geistlichen Führer der Orthodoxie und des Katholizismus statt. Es geschieht im Osten, dort wo «der Aufgang aus der Höhe» erschien und sich dem Erdkreis offenbarte, der Herr der Herrlichkeit und Retter unserer Seelen.

            Deswegen möchten wir, kurz vor dieser Begegnung, mit Ihnen einige Erfahrungen unserer Person und der Orthodoxen Kirche über die Theologie als empirische und gelebte Wissenschaft teilen.

 

***

                    

            In der christlichen Kirche und speziell in der Orthodoxen Kirche und ihrer Theologie gilt nicht der Satz “Am Anfang war der Gedanke”, den die Philosophie vertritt und sich unglücklicherweise die Welt und  häufig der moderne Mensch der Materie und der Lust zu eigen macht; wir glauben vielmehr “Im Anfang war das Wort“ Gottes (Joh 1,1), der personale und dreieine Gott, der Vater, der Sohn und der Hl. Geist, der in alles Geschaffene den Sinn (Logos) seiner Existenz eingefügt hat, so dass ein jedes im All vom «Logos» durchdrungen ist.

            Folglich leitet und lenkt Gott die Geschichte durch seine ungeschaffenen Energien. In den letzten Tagen unternahm der Logos Gottes einen radikalen Eingriff in die Geschichte. Er wurde ein sichtbarer fleischgewordener Mensch, d.h. er nahm historische Gestalt an, er lehrte, er litt, er wurde gekreuzigt, er ist auferstanden und in den Himmel aufgefahren. In unserer Kirche gibt es keinen dialektischen Gegensatz zwischen dem «Christus des Glaubens» und dem «historischen Christus», denn der Christus, an den wir glauben und durch den wir gerettet werden, trat in die Geschichte ein, um sie zu verwandeln.

Folglich offenbart sich Christus in der Geschichte, das Reich Gottes wird offenbar in der Geschichte und die Kindschaft in Christus wird in der Geschichte wirksam. Also ist die «Heilige Geschichte» mit der «Heilsgeschichte» eines jeden Menschen identisch. Dies bedeutet darüber hinaus, dass die Auslegung der Heiligen Schrift und der kirchlichen Texte, aber auch unserer Tradition nicht außerhalb der Geschichte stattfindet. Sie wird also nicht als eine Rechtssammlung göttlicher Gebote verstanden, sondern geschieht in der Geschichte durch die Kirche als Ausdruck der Liebe Gottes zur Wandlung und Verwandlung der Geschichte.

            Mit anderen Worten bewegt sich die Kirche in der Geschichte und nicht außerhalb von ihr, sie lebt in historischer Zeit und historischem Raum, sie nimmt den Menschen, der in der Geschichte lebt, mit seinen diversen Problemen an und wandelt ihn, sie heiligt ihn, das heißt sie verwandelt Raum und Zeit und heiligt den Menschen, der in diesem konkreten Raum und in dieser konkreten Zeit lebt. Dies tut sie durch die Wahrheit. Die Wahrheit ist Erfahrung. Wahrheit ist Christus, zweifach in seiner Natur: wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich.

            Das Gegenteil der Suche nach der Wahrheit ist die Ideologie, jede Ideologie, die üblicherweise zum Fanatismus und zur Verfälschung der Wahrheit führt. Denn dem Ideologen geht es darum, durch Spitzfindigkeiten und Ausreden seine Ideologie und seine Handlungen zu begründen, und nicht darum, die Wahrheit zu finden, insbesondere wenn sie seine Macht oder die Gültigkeit seiner Ideologie gefährdet.

Dass die Wahrheit an der Spitze der Bestrebungen der theologischen Fakultät steht, ist eine selbstverständliche Folge ihrer eigenen wissenschaftlichen Identität. Deshalb auch beurteilt die Theologie als Erkenntnis Gottes die Geschehnisse (die Geschichte), verurteilt die ungerechten und aus Leidenschaft verübten Taten, von wem auch immer sie begangen wurden, aber sie verhüllt und verfremdet die Ereignisse nicht, um Verantwortung von sich zu weisen oder zu verlagern. So gilt: wenn wir die Wahrheit über die Ereignisse und die Personen kennen, werden wir frei, um nach dem Wort des antiken Schriftsteller Perikles ‘mutvoll’ («εψύχως») zu leben. Denn das, was Schlechtes passiert, wird von der Reue und dem Bekenntnis aufgehoben, nicht aber durch Verschweigen oder psychologisches Verdrängen. Die Geschichte der Theologie und der Kirche ist unbeeinflussbar. Denn Gott Vater hat dem Sohn «Vollmacht gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist“ (Joh 5,27). Das Gericht der Theologie über die Wahrheit ist ein Gericht zum Leben. Deshalb ist die Theologie eine empirische und gelebte Wissenschaft, mehr als jede andere praktische oder theoretische Wissenschaft. Denn «wer das Wort des Herrn hört und dem glaubt, der ihn gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen» (vgl. Joh 5,24). Der Herr als «Menschensohn» hält «Gericht» über den Tod, denn als Sohn Gottes schenkt er Leben und Auferstehung.

Die Theologie wird von den Heiligen gelebt und muss in der Kirche als empirische Wissenschaft, insbesondere als Demut, als Kenose gelebt werden. „Es gibt viele Abstufungen der Demut. (...) Solange dieses Fundament besteht, kann der Bauherr mit Zuversicht alles andere darauf bauen; wo dieses fehlt, mag einer noch so regelmäßig leben, das ganze Gebäude wird doch leicht zusammenstürzen und ein schlimmes Ende nehmen. (...) So ist die Demut der Anfang aller Weisheit. (...) Und er redet so zu den Jüngern, die doch schon vollkommen demütig waren“ (Vgl. Johannes Chrysostomus, 15. Homilie zum Matthäus-Evangelium, P.G.57, 224-225).

Die Theologie, die in der Kirche als rein theoretische Wissenschaft betrieben wird, wird zu einer puren Nebensache und entwickelt sich zu einem auf den eigenen Vorteil bedachten Werkzeug, um aufzusteigen auf der Skala der Werte des Lebens und der menschlichen Macht und Gewalt, die «wie ein Traum vergeht und wie eine Blume verwelkt». Denn sie verhüllt die Wahrheit. Denn sie macht die Wahrheit zum Hochmut und Stolz jener, die sie auf diese Weise betreiben; häufig sind es jene, die berufen sind, Leuchter zu sein in demütigem Dienst, damit sie allen im Hause leuchten, berufen von der Gnade, Sauerteig zu sein, der den ganzen Teig durchsäuert. Davor müssen wir im ewigen Lauf des uns anvertrauten Erbes die Theologie bewahren, denn „diejenigen, die hohe Stellungen einnehmen, sind ja meist sehr stolz und wollen nicht einmal im Unglück von ihrem Hochmut ablassen.“ Und: „Nichts ist so sehr geeignet, zum Hochmut zu verleiten, als Herrschaft und Vorsitz“ (Johannes Chrysostomus, Homilie zum Matthäus-Evangelium 26, 3 und 62,4, P.G.57,336 bzw. 58,601)

 

***

 

„Meine Lehre“, sagt unser Herr Jesus Christus, „ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese  Lehre von Gott stammt oder ob ich in meinem eigenen Namen spreche“ (Joh 7,17). Diese Worte Christi stellen in der Tat eine Aufforderung dar,  sich empirisch seiner Lehre zu nähern und sie auf diese Weise zu bestätigen, wie dies soeben beschrieben wurde. Diese empirische Erfahrung ist die der gegenwärtigen, aber auch der zukünftigen Welt.

Die Erkennntnis Gottes, die Theologie, wird nicht als hehre Theorie, sondern als gelebte Erfahrung, als Wahrheit geschenkt, die den Menschen daran hindert, Gott und sein wahres Ich zu vergessen.

“Groß ist die Tyrannei des Vergessens”, stellt Nikolaos Kabasilas fest ,  “und keine der  Leidenschaften des Menschen  wirft den Menschen so häufig und so leicht aus der Bahn, wie diese Leidenschaft” (Auslegung der Göttlichen Liturgie 21,3, PG 150,413C).

Das Vergessen Gottes, das auch das Vergessen des Menschen, der Gottes Bild ist, mit sich bringt, hat verheerende Folgen für sein Leben und seine Kultur. Diese Auswirkungen werden ständig und täglich spürbarer. Wir erleben die Gottvergessenheit in unserem Alltag, in unserer Kultur, in unserer Umwelt. Leider hat keine Revolution und kein Bemühen des Menschen es geschafft, sie zu überwinden, sie zu zerstreuen, sie abzuschaffen.

            Das Vergessen Gottes, das in unserer modernen und postmodernen Zeit gepflegt und verstärkt wurde, die Gottvergessenheit, die in totaler Säkularisierung und Autonomisierung des Menschen auch als Tod Gottes proklamiert wurde, wird in unseren Tagen von einigen lichtvollen Ausnahmen unterbrochen, die man ohne weiteres als Zeichen bezeichnen kann, Zeichen nämlich der Hoffnung und der Erwartung der Einheit.

            Aus den Ruinen der Weltkriege und der menschenfeindlichen Gewaltherrschaften, aus der Unterwerfung des Menschen unter den Materialismus und die Eitelkeit der Säkularisierung scheinen einige Risse der Postsäkularisierung und der Erinnerung an die Wahrheit Gottes und ihre Bedeutung für den Menschen und sein Leben auf. Genau aus diesem Grund ist die empirische und erlebte Annäherung und Förderung der Theologie in unseren Tagen wirklich vonnöten.

Die Aufforderung Christi, sich auf diese Art und Weise dem Willen Gottes anzunähern, ist nicht neu im Lauf der göttlichen Heilsgeschichte Die gesamte biblische Tradition zeichnet sich durch empirischen Charakter aus. Im Alten Testament fordert etwa der Psalmist David auf: “Kostet und seht, wie gütig der Herr ist!” (Ps 33,9 LXX). Und: «Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin» (Ps 45,11 LXX). Diese Erkenntnis ist nicht das Ergebnis eines äußeren objektiven Vorgangs, sondern unmittelbare persönliche Offenbarung, die von niemand bezweifelt oder von außen negiert werden kann. Durch diese persönliche Offenbarung wird die Größe Gottes verkündet.

Natürlich treten wir nicht alle auf diese Weise der christlichen Lehre näher. Wir erleben sie nicht empirisch und wir betreiben sie nicht persönlich. Aber auch im Bereich der positiven Wissenschaften haben nicht alle eine unmittelbare Erfahrung und Erkenntnis der wissenschaftlichen Ergebnisse. Persönliche Erfahrung der wissen-schaftlichen Wahrheit besitzen nur die Forscher. Wir alle aber können ihre Früchte annehmen und genießen. Auf ähnliche Weise haben auch auf dem Gebiet der Theologie eine persönliche Erfahrung der theologischen Wahrheit nur die Heiligen, die Mönchsväter, die Gerechten, die sie erprobt und gelebt haben. Wir alle aber, die wir sie annehmen und bewahren, können ihre Früchte genießen. Deshalb bezeichnen wir auch die Theologie als empirische Wissenschaft. Und sie ist es. Diese Charakterisierung bedeutet keineswegs, dass diese Wissenschaft nicht auch einen rein theoretischen oder literarischen  Teil hat. Es bedeutet vielmehr, dass ihr Herz, ihre dogmatische Wahrheit einen empirischen, einen erlebten Charakter hat. Sie ist Leben und Licht. Dieses theologische empirische Erleben wird wunderbar von einem Osterhymnus unserer Kirche zum Ausdruck gebracht: «Dir, Christus, der als Gott aus dem Grabe erstand, den wir zwar mit Augen nicht schauen, an den wir aber mit der Liebe des Herzens glauben, sagen in Hymnen wir Preis.» (Kanon des hl. Johannes von Damaskus zum Antipascha, Thomassonntag, 9. Ode)

Aus den Worten dieses inhaltsreichen doxologischen Hymnus geht hervor und gilt gleichzeitig festzuhalten, dass die theologische Erfahrung nicht auf der Ebene der körperlichen, sondern der geistigen Sinne stattfindet. Das sind jene Sinne, die den Menschen von der Tierwelt unterscheiden. Das  «Nicht-Schauen der Augen» und das «Mit der Liebe des Herzens Glauben» umfasst die ganze Theologie des Christen. Diese theologische Erfahrung bringt jene volkstümliche Redensart zum Ausdruck, die besagt: »Kein Blatt fällt vom Baum, ohne dass Du es willst».

Unglücklicherweise sind aber diese Sinne, verursacht durch den zeitgenössischen Menschen, heute fast verschwunden. Der Geist des Menschen, der auch das spirituelle Auge seiner Seele ist, hat sich von seinem Herzen entfernt, ist nunmehr gelähmt, ist vollkommen seinen körperlichen Sinnen ausgeliefert und wurde zum Sklaven seiner Leidenschaften. Die geistliche Wachheit und die Reinheit des Herzens stellen wesentliche Voraussetzungen für das Erlangen theologischer Erfahrungen dar.

Diese Erfahrung stellt natürlich keineswegs das Resultat akademischer Forschungen dar. Diese Forschungen können selbstverständlich nützlich und wertvoll für ihre Bewahrung und ihre Sicherung sein. Aber auch in der Theologie sind - wie bei den praktischen Wissenschaften - die notwendigen Werkzeuge nötig, um Forschung zu betreiben, und die entsprechenden Empfänger, um die theologische Wahrheit auszusprechen und weiterzugeben. So heißt es beispielsweise in den Seligpreisungen des Herrn: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). Diese Seligpreisung gilt nicht nur für die künftige Welt, sondern auch für die gegenwärtige, für das gegenwärtige Leben. Reinheit des Herzens bedeutet Liebe aller, bedeutet Gerechtigkeit und nicht Parteilichkeit, bedeutet Respekt vor dem Bild Gottes, bedeutet Seligkeit und nicht Boshaftigkeit. Die empirische Theologie und ihr Erleben verlangen die Reinheit des Herzens. Die Reinheit des Herzens aber ist Seligkeit «Wenn ich sage Seligkeit, so nenne ich den Gipfelpunkt alles Guten. Denn wie Gerechtigkeit mehr ist als Lohn, so ist Seligkeit mehr als Gerechtigkeit. (...)  Wo es aber heißt Seligpreisung, da ist alle Schande abgetan und Ruhm da in Fülle; denn selig gepriesen werden geht über alle Arten von Lohn und allen Ruhm.“ (Johannes Chrysostomus, 9. Homilie zum Römerbrief 2, P.G. 60,456).  

 

***

 

Die Theologie und die so genannten positiven Wissenschaften stellen zwei Arten empirischer Wissenschaften dar, die auf zwei unterschiedlichen Ebenen tätig sind und zwei unterschiedliche Arten der Empirie vertreten. Die Theologie beschäftigt sich mit der Empirie der Präsenz Gottes in der Welt, des Ungeschaffenen in der Schöpfung, während die positiven Wissenschaften sich mit der Erforschung und der Erkenntnis der geschaffenen Welt beschäftigen.

Dies bedeutet, dass es zunächst zwischen der Theologie und den positiven Wissenschaften keinen Konflikt geben kann, da sie in unterschiedlichen Bereichen tätig sind und ihren jeweils eigenen Charakter haben. In den positiven Wissenschaften, wo das Prinzip der Objektivität herrscht, dominieren die Zahlen, die Quantitäten und die nicht persönlichen Beziehungen, während die Qualitäten, die Werte, die Personen und die persönlichen Beziehungen vernachlässigt werden. Gleiches gilt häufig auch für die sozialen Wissenschaften, auch wenn diese sich ebenfalls mit dem Menschen und seinem sozialen Leben beschäftigen.

Diese Einstellung, die in der wissenschaftlichen Welt nach dem so genannten Triumph der positiven Wissenschaften Fuß gefasst hat, schadet den sozialen Wissenschaften und entfernt sie von ihrem eigentlichen Zweck, welcher das Studium der menschlichen Gesellschaft und der personalen und interpersonalen Beziehungen ist. Drüber hinaus vernachlässigt diese Einstellung die Person, welche den Anfang und die Fülle des Seins konstituiert. Und sobald die Person vernachlässigt wird, wird auch die Wahrheit selbst abgetötet.

Und während sich die positiven Wissenschaften auf dem Feld der objektiven Welt bewegen und die Kenntnis der Dinge, der Objekte,  suchen, bewegt sich die Theologie auf dem Gebiet der Person und der personalen Beziehungen. Und die Wahrheit auf diesem Gebiet betrifft nicht Objekte und ist auch nicht objektiv. Das ist die Wahrheit des Lebens und der Gemeinschaft, es ist eine personale Wahrheit. Es ist die Wahrheit Christi, oder genauer gesagt, diese Wahrheit ist Christus selbst: „der ist und der war und der kommt“ (Offb 1,8).

Die positiven Wissenschaften dienen dem Alltag des Menschen und tragen zur Entwicklung der Technologie oder der so genannten technologischen Kultur bei. Die Theologie beschäftigt sich mit der ontologischen Wahrheit und schenkt den Sinn des Lebens. Sie bezieht sich auf die Erlösung des Menschen in Christus, und inspiriert gleichzeitig seine Tätigkeit, seine Aktivitäten, seine Gedanken, seine Werke und seine Kultur. Die gesamte europäische Kultur ist mit dem Christentum verwoben. Auch die heutigen positiven Wissenschaften haben bekanntlich ihren Ursprung in den Klöstern des Westens.

In den positiven Wisssenschaften wird der Mensch und seine Aktivitäten auf Zahlen zurückgeführt, sie werden mit Zahlen beschrieben, aber auch durch Zahlen eingeschränkt. Der Mensch aber  «bleibt Mensch, solange er als Person existiert und sich als solche entwickelt. Das Prinzip der Person stellt ein fundamentales Prinzip der christlichen Anthropologie, wie auch der Theologie generell dar. Wenn die Person zerstört wird, dann bleibt der Mensch nicht Mensch, aber auch Gott wird dann nicht mehr als lebendiger Gott verehrt.» (Vgl. Θεσμός καί χάρισμα, Heiliger Berg Athos 2012, S. 291). Der Mensch ist niemandem und nichts unterworfen, sondern ist einfach vorhanden, sogar für Gott selbst. Deshalb basieren auch seine Beziehungen mit Gott auf dem Prinzip der Freiheit. Was immer den Menschen versklavt und seinen Wert als Person mindert, hat negative Bedeutung.

Die heutige Kultur und der Stolz derer, die Macht besitzen, seien sie in kirchlichen oder geistlichen Ämtern, bedrohen die Person. Der mechanistische Geist, der Materialismus und das Sich-Verlassen allein auf menschliche Kraft und Macht und die Talente und Qualitäten eines jeden Menschen zerstört den menschlichen Geist und lähmt seine spirituellen Ausrichtungen. Es ist bezeichnend, dass der heutige Mensch unter dem Einfluss des Geistes der positiven Wissenschaften, die darauf angelegt sind, seine praktischen Bedürfnisse zu befriedigen, sich für leicht bedienbare Wahrheiten interessiert und nicht die religiöse Wahrheit sucht, oder genauer gesagt, die Wahrheit an sich. Er nimmt die wissenschaftlichen Wahrheiten mit religiöser Ehrfurcht an. Deshalb ist auch die Verabsolutierung der Wissenschaft, die häufig beim einfachen Volk, aber auch bei manchen Intellektuellen anzutreffen ist, welche die Wissenschaft vergöttlichen und dabei Gott ignorieren oder vernachlässigen und letztendlich zu einer Art wissenschaftlichen Fundamentalismus gelangen, anti-wissenschaftlich und schädlich.

Die Theologie bezieht sich nicht auf die Wahrheit der Gegenstände, sondern auf die Wahrheit des Lebens. Sie untersucht nicht die relative, sondern die absolute und allgemein gültige Wahrheit, die Wahrheit, die sich nicht auf den Bereich des Geschaffenen beschränkt, sondern sich auf den Bereich des Ungeschaffenen erstreckt und ewig bleibt. In aristotelischer Terminologie könnte man sagen, dass die Theologie sich mit den Dingen beschäftigt, die «sich nicht anders verhalten können», während die weltliche Wissenschaft sich mit jenen beschäftigt, «die sich anders verhalten können» (Vgl. Aristoteteles, Nikomachische Ethik VI,2,1139a 7-8·, Physik IV,12, 221b – 222 a 9).

Die positiven Wissenschaften können nicht die existenziellen Probleme des Menschen lösen, ja nicht einmal sich ihnen annähern. Dies sind z.B. die Frage nach dem Sinn und Zweck des Lebens, das Problem des Schmerzes, das Geheimnis des Todes. Und sie können dies nicht aus zwei Hauptgründen. Erstens, weil diese Probleme nicht objektiviert werden können und zweitens weil «die Logik dieser Welt es nie schaffen wird, ihre Wahrheit ganz zu verstehen, weil sie eben ein Teil dieser ist», während jedes System, so auch die Welt als System, nur «von einem anderen System verstanden werden kann, welches dieses übersteigt» (P. Panayotopoulos, Φυσικές πιστμες καί θεολογία, Θεσσαλονίκη 2010, σ. 55).

An dieser Stelle scheint die Zuständigkeit der Theologie auf. Sie ist jene Wissenschaft, die so aktuell ist und gleichzeitig so weit vom verweltlichten Menschen unserer Zeit entfernt. Nur sie ist die Wissenschaft, die dem modernen Menschen helfen kann, aus dem Taumel des «geistlosen» Weltbildes zu entkommen  - Aristoteles nennt es «windstill» - und seinem Geist gestatten kann, die lebensschaffende Luft seiner überweltlichen Bestimmung einzuatmen. Diese Bestimmung hat der Schöpfer im Anfang in seine Existenz eingepflanzt, als er ihn «nach dem Bild und zur Ähnlichkeit Gottes« schuf.

Wenn wir im übrigen, soweit dies unserer Natur möglich ist, in den Geist des Schöpfers der Menschen und der Welt eindringen, werden wir feststellen, dass es nicht möglich ist, dass Gott die Zerstörung der menschlichen Lebewesen im Krieg und durch den Krieg gewollt hat. Äußerst anschaulich finden wir diese Wahrheit in der Weisheit Salomos ausgedrückt, wo es heißt: „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde; denn die Gerechtigkeit ist unsterblich. Die Frevler aber holen winkend und rufend den Tod herbei und sehnen sich nach ihm wie nach einem Freund; sie schließen einen Bund mit ihm, weil sie es verdienen, ihm zu gehören.“ (Weish 1,13-16).

            Ausgehend von diesen Voraussetzungen der historischen und empirischen theologischen Erkenntnis sagte der altgriechische Autor wohl den bekannten Satz: „Glücklich der Mann, der Wissen durch die Geschichte gewonnen hat“ (Euripides, Fragment 910). Es geht hier um die wahre Geschichte und nicht um eine, die für diverse Propagandazwecke verfälscht wurde oder das erschütterte Gewissen der Menschen beruhigen soll, jenes Gewissen, von dem der hl. Andreas von Kreta sagt, dass nichts drückender ist als dieses in der Welt“ (Großer Kanon 4. Ode).  

Deshalb sucht auch Ihr, liebe Studenten, und jeder heutige Mensch nach der Wahrheit über alles, die Wahrheit über die Wissenschaft, die Politik, die Religion, und insbesondere über die Geschichte von heute und gestern. Diese Wahrheit ist unser Herr Jesus Christus, das geschlachtete und lebendige Lamm, Sein Leib und Blut, das „gegessen wird und niemals verzehrt wird, das immer „alle heiligt“, die empirisch am Mysterium „teilhaben“ (Chrysostomus-Liturgie), denn „Er (der Herr) bestimmt den Wechsel der Zeiten und Fristen; er setzt Könige ab und setzt Könige ein. Er gibt den Weisen die Weisheit und den Einsichtigen die Erkenntnis“ (Dan 2,21). Und: „Er züchtigt und hat auch wieder Erbarmen; er führt hinab in die Unterwelt und führt auch wieder zum Leben. Niemand kann  seiner Macht entfliehen (Tob 13,2), denn Ihm „ist alles  dienstbar“ (Ps 118,91 LXX), Seine Hoheit und Pracht erzählen greifbar alle Seine Werke, alle sichtbaren und unsichtbaren.

 

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            Brüder im Herrn,

die Theologie übersteigt das System der Welt und erzählt dem Menschen die überweltliche Wahrheit Gottes. Sie wirkt als verkündende Empfängerin der Offenbarung und des Wirkens Gottes unter den Menschen. Deswegen wird in der heutigen akademischen Theologie zurecht ihr narrativer Charakter hervorgehoben. Durch diesen kann  die christliche Theologie wiederum als tröstende Weggefährtin der Leidenden und Trauernden den Weg nach Emmaus beschreiten.

Wir vom Ökumenischen Patriarchat, das in seiner Geschichte im Dienst der Wahrheit und der gelebten Theologie des Kreuzes und der Auferstehung, der Wahrheit Christi und der Wahrheit der Orthodoxie steht, ziehen von den heiligen Bischofssitzen der Apostelbrüder Andreas und Petros zum Bischofssitz des Herrenbruders Jakobus, gemeinsam mit dem «unsichtbar anwesenden Herrn» und mit Lukas und Kleopas wie in ein anderes Emmaus, um die Ergebnisse eines 50-jährigen Weges zu bewerten, eines Weges der Trennungen und Gegensätze «wegen unserer und der Welt Sünde», gleichzeitig aber auch eines Weges der aufrichtigen Liebe und vieler Bemühungen, in Einfachheit des Herzens die Fallstricke des Bösen zu überwinden und dem Willen des Herrn zu entsprechen, der uns alle und seine Welt zur Einheit und zum Bekenntnis ruft: «Einer ist heilig, einer der Herr, Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters». Wir erwarten im Gebet, dass Er sich uns offenbaren wird durch seinen Segen und seine göttliche Heilsökonomie vollenden wird, wenn er uns würdigt, gemeinsam das Brot zu brechen und aus seinem Kelch zu trinken.

Wir danken euch und segnen euch, wir erbitten die Gebete von euch allen, dass unsere Begegnung mit dem Mitbruder und Papst Franziskus in Jerusalem zu einer Wegmarke in der ewigen Geschichte der kämpfenden und der triumphierenden Kirche werden möge, denn „alle Werke Gottes sind gut, sie genügen zur rechten Zeit für jeden  Bedarf“ (Sir 39,33). Ihm sei die Herrlichkeit und die Herrrschaft und die Ehre und die Verehrung und der Dank, jetzt und in Ewigkeit. Amen.