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16.05.2014 01:08 Alter: 4 yrs

ANSPRACHE

SEINER ALLHEILIGKEIT DES ÖKUMENISCHEN PATRIARCHEN BARTHOLOMAIOS


BEIM EMPFANG

DURCH DEN BAYERISCHEN MINISTERPRÄSIDENTEN

IN MÜNCHEN

16. Mai 2014

 

Eure Exzellenz, sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

 

            Zunächst sprechen wir unseren und des Ökumenischen Patriarchats Dank für den ehrenvollen Empfang unserer geringen Person im gastfreundlichen Freistaat Bayern aus, und möchten unsere Genugtuung darüber äußern, dass unser Besuch hier dieses Mal mit dem 50-jährigen Jubiläum liturgischen Lebens und Dienstes der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland zusammenfällt, die der Kirche von Konstantinopel angehört. Die so vielen und so großen Ehrerweisungen Ihrerseits, sehr geehrter und lieber Herr Ministerpräsident, der Sie die Verantwortung für Bayern tragen, erinnern an die insbesondere bei den alten Griechen verbreitete Tugend der Gastfreundschaft, die auch beim hochgeschätzten Volk Bayerns tief verwurzelt ist.

            Weiterhin äußern wir unsere Genugtuung darüber, hier in einer Gegend Deutschlands zu sein, die von der Treue ihrer Einwohner zur Tradition und der engen Bindung an die  Heimat geprägt ist, von zwei Merkmalen also, die man heute selten bei den Völkern Europas anzutrifft, die aber grundlegend und notwendig für die rechte Gestaltung der Zukunft sind. Denn es ist aus der Geschichte bekannt und bewiesen, dass jeder Baum, dessen Wurzeln man abschneidet, nicht überlebt. Ohne feste Wurzeln d.h. ohne Grundlagen und Fundamente, hat er keine Flüssigkeit und vertrocknet bald, wird unbrauchbar und man verbrennt ihn.

            Diese Wahrheit wird auch von folgender Tatsache bewiesen, über die wir uns besonders freuen: Die offizielle Hymne dieses Freistaats der Bundesrepublik Deutschland beginnt mit einer Anrufung Gottes: «Gott mit dir, du Land der Bayern!». Hier ist also das christliche Leben Teil des Alltags, indem die Bayern an der Sonntagsmesse oder am Gottesdienst teilnehmen, an den religiösen Feiern, an den traditionellen Prozessionen oder Wallfahrten.

Diese Treue der Bayern zur Tradition beschränkt sich nicht auf äußerliche Elemente, auf Trachtenhüte oder ähnliche Dinge, sondern auch darauf, dass man sich der christlichen Tradition bewusst ist, welche hier der heilige Bonifatius gegründet hat und woraus das deutsche Volk seine vornehmsten und schöpferischsten Traditionen schöpft.

Teil dieser kreativen Tradition sind auch Sie, verehrter Herr Ministerpräsident und Ihre Landsleute, deshalb danken wir Ihnen auch für die Ehre, die Sie uns erweisen und uns, dem Vertreter des Ökumenischen Patriarchats, ein Abbild des «Bayerischen Löwens« überreichen, und dass wir uns ins Goldene Buch dieses historischen Freistaats eintragen dürfen.

Löwe und Abbild sind zwei in der Orthodoxen und der christlichen Kirche überhaupt sehr beliebte Begriffe und Vorstellungen, deren Bedeutung Sie kennen. Mit dem Löwen meint man die Kraft, die Stärke oder die Herrschaft Gottes. Mit dem Löwen wird aber auch der Apostel Markus abgebildet, da er, In seinem Evangelium besonderen Wert auf das Reich Gottes legt und der Löwe ein Tier ist, welches das Reich und die Macht symbolisiert.

Mit dem Abbild wiederum wird der Mensch bezeichnet, der auch über das wildeste der Tiere, den Löwen herrscht. Sie, der Sie die Macht der Herrschaft besitzen, dürfen nicht vergessen, dass Sie Menschen dienen, für die unser Herr Jesus Christus Mensch geworden ist und die er erlöst hat, damit sie über die ganze Schöpfung in Gerechtigkeit herrschen.

Wir wünschen und hoffen, dass unser heutiger Besuch in Bayern auch einen Markstein in der Geschichte der Beziehungen der lokalen orthodoxen Kirche mit den Behörden dieses Freistaats sei. Er bestätige das, was durch das gemeinsame Handeln der politischen Verwaltung Bayerns und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und ihrer in Bayern Dienst tuenden Geistlichen erstrebt und seit vielen Jahren gepflegt wird, nämlich das harmonische Zusammenleben der Bayern und der dem Ökumenischen Patriarchat angehörigen Orthodoxen zur ständigen Bereicherung des Lebens und seiner Kultur.

Im übrigen ist bekannt, dass vor etwa 1000 Jahren die aus Konstantinopel stammende Prinzessin Theopano, die weise und verehrungswürdige Kaisermutter (venerabilis et sapientissima mater domna), wie sie der bekannte Thangmar von Hildesheim nennt, in Ihr Land die christozentrische byzantinische Kultur gebracht hat und es dadurch spirituell untrennbar mit der Stadt unseres Bischofssitzes verbunden hat; sie hat ihre Talente, mit denen Gott sie ausgestattet hatte, und ihre geistliche Wegzehrung, die sie im Osten erworben hatte, zum Wohl und für den Fortschritt des deutschen Volkes eingesetzt.

Unser himmlischer Vater hat die Erde und die Länder unbewohnt erschaffen und hat sie als Erbe den Menschensöhnen überlassen und er wünscht das Glück aller Völker durch die freie Wahl des Erkennens und der Erfüllung seines Willens. Es ist eine unumstößliche Tatsache, Herr Ministerpräsident, dass der Mensch nach dem Maß seiner Annäherung an Gott ökumenisch, weltweit denkender wird. Seine Gedanken, seine Taten und seine Wünsche stehen immer mehr im Dienst des Aufbaus einer lebendigen, friedlichen und fruchtbaren Gesellschaft, die unter dem Licht und den Geboten des Evangeliums Christi wandelt.

 

Herr Ministerpräsident,

 

Wir glauben, dass unsere heutige Begegnung Anlass zu einer Erneuerung und Verstärkung und Verbesserung der Bindungen zwischen dem historischen Konstantinopel, der auf sieben Hügeln erbauten Stadt, und dem Bayern der hohen Gebirge sein kann und wünschen, dass die Gesellschaft Ihres Landes stets von den positiven Resultaten dieser Bindung profitiert.

Konstantinopel, Exzellenz, auch Byzanz genannt, hatte den besonderen Segen des Herrn, durch die Jahrhunderte hindurch eine besondere Kultur zu beherbergen, durch den gemeinsamen christlichen Glauben verschiedene Völker zu vereinen, vom Westen Persiens bis nach Mähren, aber auch in Süd-Italien, Südfrankreich und Nord-Afrika, und entscheidend beizutragen zur Entfaltung weltweiter und von allen Menschen akzeptierter moralischer Werte. Es reicht darauf hinzuweisen, dass ein Großteil der heute vertretenen und weltweit anerkannten Menschenrechte und Menschenwerte auf den Begründer Konstantinopels und des byzantinischen Reiches, Konstantin den Großen zurückgeht.

Wir, der bayerische Ministerpräsident und der Ökumenische Patriarch setzen diesen Geist der Toleranz, der harmonischen Koexistenz und der Freiheit fort. Wir haben eine historische Verantwortung und Verpflichtung, das friedliche und schöpferische Zusammenleben fortzusetzen und großherzig und im Geiste guter Zusammenarbeit und der Liebe jedes Hindernis und jeden Zweifel aus dem Weg zu räumen. Dies wird den Völkern des ganzen Erdkreises nützen.

Noch einmal danken wir von Herzen, Exzellenz, und wünschen Ihnen viel Erfolg In ihrem Dienst als Ministerpräsident, wir beten zum auferstandenen Herrn, er möge Eure Exzellenz durch die Gebete des heiligen Bonifatius stärken und segnen, Sie und ihre geschätzten Mitarbeiter, Ihre Familie und das gesamte geliebte bayerische Volk, damit sie in der Kraft des Löwen, d.h. des allein herrschenden Gottes seinem Abbild, dem Menschen, dienen. Der Gott des Friedens und der Liebe sei immer mit dir, du gesegnetes Land der Bayern! Und mit Ihnen, Exzellenz, Herr Ministerpräsident, und dem gläubigen Volk Ihres Freistaats. Amen.