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16.05.2014 01:11 Alter: 5 yrs

REDE

SEINER ALLHEILIGKEIT DES ÖKUMENISCHEN PATRIARCHEN BARTHOLOMAIOS


BEIM SYMPOSIUM DES ERZBISTUMS MÜNCHEN

IN DER AKADEMIE SCHLOSS FÜRSTENRIED

16. Mai 2014

Nachhaltig Leben – Schöpfung bewahren - Eine gemeinsame Herausforderung

 

Hochwürdigster Herr Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising,

Hochwürdigster Metropolit Augoustinos von Deutschland,

Hochwürdigste Mitbrüder im Bischofsamt,

Sehr geehrter Herr Direktor der Akademie,

Sehr geehrte, erlesene Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Symposium,

 

«Groß bist du, Herr, und wunderbar sind deine Werke; kein Wort genügt zum Lobpreis deiner Wundertaten» ruft die orthodoxe Kirche aus, sie bewundert und preist die Größe Gottes und seine sichtbare und unsichtbare Schöpfung. Und in seinem Gebet bekennt der gläubige Mensch die Nichtigkeit seiner selbst und der ganzen Schöpfung, die in Harmonie und ständigem Wirksamkeit aus dem Nichts geschaffen wurde, und er schreibt alles Gott zu: «Denn du hast mit deinem Willen das All aus dem Nichtsein ins Dasein geführt; durch deine Kraft erhältst du die Schöpfung und mit deiner Vorsehung verwaltest du die Welt. Du hast aus vier Elementen die Schöpfung zusammengefügt, und mit vier Jahreszeiten den Kreis des Jahres bekränzt. Vor dir erbeben alle geistigen Mächte; dir gehorcht das Licht; vor dir erschaudern die Abgründe; dir dienen die Quellen. Du hast den Himmel wie ein Zelt ausgespannt; du hast die Erde auf den Wassern fest gegründet; du hast dem Meer mit Sand eine Grenze gesetzt; du hast zum Atmen die Luft ausgegossen» (Gebet der Großen Wasserweihe).

Alle Geschöpfe ordnen sich also einander unter und funktionieren tadellos, harmonisch, funktional, und ersehnen die «Freiheit der ganzen Schöpfung«. Das einzig ungehorsame Geschöpf Gottes ist der mit Freiheit ausgestattete und leider in Hochmut verfallende Mensch. Aufgrund dieses Hochmuts ist der Mensch jedoch wegen seiner Sünde in Wirklichkeit unfähig, «über die Erde zu herrschen», οbwohl er den göttlichen Auftrag dazu erhalten hat (vgl. Gen 1,28). Anstatt über die Erde zu herrschen, wird er unglücklicherweise selbstverschuldet von dieser beherrscht.

Wir sprechen zunächst den herzlichen Dank unserer geringen Person und des Ökumenischen Patriarchats, das wir vertreten, an Sie, Eminenz Kardinal Marx, Erzbischof von München und den Direktor dieser Akademie sowie an alle administrativen und geistlichen Mitarbeiter dieses Hauses für die ehrenvolle Einladung aus, Ihnen, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, unsere Gedanken und Erfahrungen zum bedeutenden und stets aktuellen Thema Ihres Symposiums über die Nachhaltigkeit und die Bewahrung der Schöpfung als gemeinsame Herausforderung für unsere Zeit dazulegen.

Wir haben dieser Bitte gern entsprochen, denn in der Tat bewegt die Frage des Umweltschutzes unser Herz sehr und treibt uns in der gesamten Zeit unseres patriarchalen Dienstes, aber auch davor, an, mit Eifer sensibilisierend auf die öffentliche Meinung zu einwirken, um somit auch die jeweils Mächtigen, die Lenker der Völker und der Welt und die verschiedenen einzelnen Organisationen zu bewegen, die für den Umweltschutz notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.

Aber auch die Aufmerksamkeit und die Sensibilität eines jeden einzelnen Individuums in Hinblick auf die Umweltkatastrophen, die wir täglich beobachten und feststellen, kann entscheidend zur Verbesserung der Situation beitragen.

Die Antwort auf die Frage, welche sich hinter dem Titel ihres Symposiums verbirgt, gibt der soeben zitierte doxologische Hymnus der der orthodoxen Kirche, der zwar gebetet wird, in der Praxis aber überhaupt nicht angewandt wird vom Menschen, der diesen unseren Planeten bewohnt.

Die in den letzten Jahren rasch fortschreitende Zerstörung der Umwelt unseres Planeten hat die orthodoxe Kirche, welche die «Zeichen der Zeit« bewertet und studiert, mit dem Ökumenischen Patriarchat an erster Stelle, zu einer besonderen Wachsamkeit in dieser Frage geführt.

Und man ist inzwischen übereinstimmend der Auffassung, dass das Ergebnis dieser Initiative der Kirche von Konstantinopel die Feststellung war, dass nur eine gemeinsame Anstrengung von geistlichen, politischen und wissenschaftlichen Trägern und Verantwortlichen zu einer Bewältigung dieses für die Zukunft der Menschheit so wichtigen Problems führen kann.

Es ist Ihnen sicherlich bekannt, dass unser verstorbener Vorgänger, der Ökumenische Patriarch Dimitrios zum 1. September des Jahres 1989, also dem ersten Tag unseres Kirchenjahres, der in Byzanz Beginn der Indiktion genannt wurde, aus eigener Initiative eine prophetische Botschaft an das orthodoxe Kirchenvolk erließ. Seither gibt es jährlich eine Botschaft zu diesem Tag. Er rief damals auch «die gesamte christliche Welt ein, jedes Jahr an diesem Tag, dem 1. September,  den Schöpfer aller Dinge anzurufen und anzuflehen, ihm Dank zu sagen für die große Gabe der Schöpfung und Ihn um ihre Bewahrung und ihr Heil zu bitten«. Durch diese patriarchale Botschaft wurde der 1. September eines jeden Jahres seither zum Tag, welcher der Schöpfung und der natürlichen Umwelt gewidmet ist, proklamiert.  Weiterhin wurden «in väterlicher Sorge die Gläubigen in aller Welt aufgefordert, in sich zu gehen und zusammen mit Ihren Kindern, die natürliche Umwelt zu respektieren und zu schützen» und «alle, die mit politischer Verantwortung für ihr Land betraut sind, wurden aufgerufen, ohne Verzug Maßnahmen zu ergreifen, die für den Schutz und die Bewahrung der natürlichen Schutz erforderlich sind.

Diese Position und dieser Vorschlag des Ökumenischen Patriarchats wurde sofort von der auf unsere Initiative einberufenen Versammlung (Synaxis) der Vorsteher der orthodoxen autokephalen Kirchen am Sonntag der Orthodoxie 1992 angenommen. Später wurde sie von der Konferenz europäischer Kirchen (KEK) und auch vom Weltkirchenrat übernommen, d.h. von der weltweiten Christenheit, was sicherlich auch zur Aufrüttelung der öffentlichen Meinung beigetragen hat. Es hat uns übrigens mit besonderer Freude erfüllt, dass im Jahr 2010 auch die Kirchen in Deutschland, die in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) zusammenarbeiten, den Tag der Schöpfung ökumenisch eingeführt haben und auf diese Art und Weise das Vermächtnis unseres verstorbenen Vorgängers Patriarch Dimitrios weiter getragen haben.

Auf diese konkrete Initiative des seligen Patriarchen Dimitrios folgte eine Reihe von Begegnungen, an denen Vertreter der orthodoxen Kirche, anderer christlicher Kirchen, Theologen und Umweltwissenschaftler teilnahmen, so in Patmos im Jahr 1989, im Patriarchalen Kloster der Verkündigung der Gottesmutter in Ormilia/Chalkidiki im Jahre 1990, in der Orthodoxen Akademie von Kreta 1991 und in der Theologischen Hochschule von Chalki, die immer noch auf ihre Wiedereröffnung wartet, im Jahr 1992. Diese Begegnungen trugen dazu bei, die Umweltprobleme grundlegend zu diskutieren, insbesondere aus der Sicht der Orthodoxen Kirche und Theologie, sie führten zur Formulierung klarer theoretischer Begrifflichkeiten, und zu konkreten Vorschlägen; so wurden konkrete praktische Maßnahmen zur Lösung der so genannten ökologischen Probleme vorgeschlagen.

Ein einfacher Blick in die damaligen Publikationen des Ökumenischen Patriarchats «Die Orthodoxie und das ökologische Problem« (1991) und «Damit die Schöpfung Gottes lebe« (1992) reicht aus, um die Vorreiterrolle des Patriarchats und der Orthodoxen Kirche generell in der Umweltproblematik zu belegen.

Nachdem unsere geringe Person dem Patriarchen Dimitrios unvergessenen Gedächtnisses auf dem Ökumenischen Thron gefolgt ist, haben wir bereits in unserer Inthronisationsrede vom Patriarchenthron aus am 2. November 1991 unsere Sorge für die Umwelt als äußerst bedeutsam, ja als unmittelbare und dringende Priorität unseres patriarchalen Dienstes bezeichnet, damit das Kirchenvolk täglich sensibilisiert wird für die die Welt bedrohende universale Katastrophe und es sich diese, die bis heute unseren Planeten gefährdet, verinnerlicht.

Zu den diversen Initiativen, die wir fast seit Beginn unseres patriarchalen Dienstes entfaltet haben, gehört die Schaffung einer besonderen religiösen und wissenschaftlichen Kommission für Umweltschutz (1995) und die Abhaltung zahlreicher verschiedener interdisziplinärer Symposien von Vertretern aus den Bereichen der Religion, der Wissenschaft und der Umwelt, die bis heute fortgesetzt werden.

Auf diese Weise versucht das Ökumenische Patriarchat mit den ihm zur Verfügung stehenden spirituellen und theologischen Mitteln und der in der Praxis entstandenen Dynamik das Mögliche zu diesem Kampf an so vielen Fronten beizutragen, um die Welt, die unser allweiser Schöpfer uns als «sehr gut» übergeben hat, unsere Umwelt, zu bewahren.

Offensichtlich beschränkt sich die Sorge des Ökumenischen Patriarchats für den Umweltschutz nicht auf ein einfaches aktivistisches Handeln. Als geistliche Organisation verfügt es sicherlich nicht über die erforderliche weltliche Macht, um die sinnlose Zerstörung der Umwelt aufzuhalten. Das, was aber die Orthodoxe Kirche leisten kann und worin auch ihr entscheidender Beitrag liegt, ist die Entfaltung eines Ethos des Lebens und die Darlegung einer theologischen Sicht der Welt. Das ist jenes Ethos, das, wenn es vom Menschen und den Gesellschaften angenommen wird, automatisch Respekt für die Umwelt einflößt und die übermäßige Nutzung der natürlichen Ressourcen behindert, die mit mathematischer Genauigkeit und unbeabsichtigter Fahrlässigkeit zur Umweltkatastrophe führt.

Aus dem Blickwinkel dieses orthodoxen Ethos möchte der zu Ihnen Sprechende das Thema der Nachhaltigkeit der Schöpfung und ihrer gleichzeitigen Rettung vor der Katastrophe behandeln, damit die Welt lebt und sich bewegt, stets im heiligen Geist, in ihm, «der Frieden schenkt,“, ja „dem Heiligen Geist gebühret es, zu herrschen, zu heiligen, zu bewegen die ganze Schöpfung. Denn Er ist Gott, einwesentlich mit dem Vater und dem Logos.  (Anabathmoi  8. Ton, 4. Antiphon und 2. Ton, 1. Antiphon)

 

Eminenzen, Exzellenzen, hochwürdigste Mitbrüder und Kinder im gemeinsamen Schöpfer, dem Herrn, Gott und Erlöser Jesus Christus, der einen von jeden von uns nach seinem Bild geschaffen hat,

 

Die Orthodoxe Kirche bekennt im Glaubensbekenntnis ihren Glauben an «den einen Gott, den Vater den Allherrscher, den Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge», sie verkündet gleichzeitig allen die Theologie über die Heiligkeit dieser unsichtbaren Schöpfung d.h. der heiligen Welt der Engel, und der sichtbaren Schöpfung, die von den in Nachahmung der engelhaften Ordnung erschaffenen und gemeinsam mit den Engeln den Schöpfer und Bildner lobpreisenden Menschen bewohnt wird.

Wenn wir über die Heiligkeit der Schöpfung der sichtbaren und der unsichtbaren Schöpfung sprechen und vor allem über die Nachhaltigkeit der sichtbaren Schöpfung, von der hier die Rede ist, glauben wir aus unserer spirituellen Erfahrung, dass diese de facto in einem einzigen Wort umschrieben werden kann, nämlich mit dem Begriff «Verklärung».

Vergessen wir nicht, dass das Fest der Verklärung unseres Herrn auf dem Berg Tabor die Heiligung und Wandlung der materiellen Schöpfung anzeigt und offenbart. Die Schöpfung empfängt das Licht des verklärten Herrn: «In deinem Licht heiligst du den ganzen Erdkreis» singt die Orthodoxe Kirche an diesem Tag. Dies bedeutet, dass an der Verklärung des Herrn auch die Schöpfung teilhat: «Bei Deiner Verklärung, Erlöser, wurde der Berg in Licht getaucht.» (Doxastikon vom Vespergottesdienst des Festes). Natürlich wurde auch die Materie, die Kleider Christi «weiß wie das Licht« und sein Gesicht leuchtete «wie die Sonne». Das bedeutet, die Materie, die Schöpfung wurde in der Person unseres Herrn, des Gott-Menschen, verherrlicht; diese Herrlichkeit sahen seine Jünger, «soweit sie es vermochten«. 

Darüber hinaus präsentiert der Verfasser der kirchlichen Hymnen den Propheten David, wie er die ganze Schöpfung zur Freude ruft: «Da der Gottesahne David voraussah von Ferne Dein, des einziggeborenen Sohnes, Weilen bei den Menschen durch Fleisches Annahme im Heiligen Geist, mahnt er zu Jubel die Schöpfung und ruft mit prophetischer Stimme: Tabor und Hermon jubeln in Deinem Namen.“ Die ganze Schöpfung preist den Herrn: «Dich, der du im Licht hast geschieden das anfängliche Chaos, preisen im Licht deine Werke, Christus als Schöpfer».(5. Ode, Kanon der Verklärung des Herrn). «Das nie verlöschende Licht, der Abglanz des Vaters», das auf Tabor unsagbar erschien in seiner unnahbaren Herrlichkeit, hat nicht nur die Menschen vergöttlicht, sondern auch «die Schöpfung erleuchtet und erfreut“ (Troparion der 8. Ode, Kanon der Verklärung des Herrn).

Genauso wie der Herr in seiner Verklärung die »in Adam verdunkelte Natur wieder erstrahlen ließ, und sie umwandelte zur Herrlichkeit und zur Helligkeit Gottes» so soll «auch die Schöpfung  von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes» (Röm 8,21). Die Schöpfung empfängt und bietet ihrerseits einen Vorgeschmack der endgültigen Auferstehung. In dieser Verklärung liegt die Nachhaltigkeit der Schöpfung und von ihr abgeleitet die Nachhaltigkeit des Lebens in Christus und durch Christus.

Mit anderen Worten folgt die Verklärung der Schöpfung der Verklärung der menschlichen Person. Die Heiligung der Schöpfung folgt der Heiligung der menschlichen Hypostase. Sowohl die Schöpfung als auch der Mensch sind nicht aus sich selbst leuchtend, sondern empfangen das Licht aus der Quelle des Lichtes von der geistigen Sonne der Gerechtigkeit, von  unserem Herrn Jesus Christus.

Der heilige Makarius, ein Asket und Erforschung der Natur und der Schöpfung des Herrn, stellt die Beziehung zwischen der Verklärung Christi und der Heiligung der menschlichen Natur dar und erklärt sie mit folgenden bezeichnenden Worten: „Denn wie die innere Herrlichkeit Christi sich so über seinen Leib ausbreitete und leuchtete, ebenso ergießt sich auch bei den Heiligen an jenem Tage die Kraft Christi, die [bis dahin] im Innern war, nach außen über ihre Leiber“ (Geistliche Homilien 15,38).

Die verwandelnde und verklärende Kraft des göttlichen Lichtes erstreckt sich auf die ganze Welt: „Logos, unwandelbares Licht vom Licht des ursprungslosen Vaters, in deinem heute auf Tabor erscheinenden Licht schauen als Licht wir den Vater, als Licht auch den Geist, der alle Schöpfung erleuchtet“ (Exapostilarion vom Fest der Verklärung).

Die Art und Weise, mit welcher der Schutz der Schöpfung und ihre Nachhaltigkeit durch die Kultivierung eines orthodoxen Ethos erreicht wird, wird in der Praxis besonders in der asketischen und monastischen Tradition der orthodoxen Kirche und ihrer erlebten spirituellen und theologischen Erfahrung nachgewiesen und bezeugt.

Hauptziel des orthodoxen asketischen Lebens, des monastischen Lebens, ist bekanntlich der Lobpreis des Namens Gottes durch alles «was wir wissen und was wir nicht wissen« und das Verleugnen des eigenen Willens. Auf diese Weise, d.h. mit der Leugnung seines Willens und seiner Begierden, lernt der Mensch, der nach dem Sündenfall die Tendenz hatte, über die äußere Welt durch seinen eigenen Willen zu herrschen und sie zur Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse zu nutzen, er lernt also, nicht mehr sich selbst als Mittelpunkt der Schöpfung zu sehen, sein Ego, seine Leidenschaften. «Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt's nicht daher, dass in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten?“ fragt in übertragenem Sinn der Apostel Jakobus (Jak 4,1-2).

Durch diese orthodoxe asketische Erfahrung wird nicht nur eine äußerst harmonische Beziehung zwischen dem Menschen und der natürlichen Umwelt vorbereitet, sondern auch geschaffen. Der Mensch hat das tiefe Empfinden, dass er der Herrscher der Schöpfung ist, aber er vergisst gleichzeitig nicht, dass er die Pflicht hat, diese ihrem Schöpfer darzubringen, wie der Priester die Gaben von Brot und Wein darbringt. «Dir bringen wir dar, das Deinige vom Deinigen, gemäß allem und für alles« beten und bitten wir während der hl. Anaphora der Liturgie bei der Segnung und Wandlung des Brotes und des Weines zu Leib und Blut Christi, um in der Folge «alles«, das Lamm Gottes und das Blut des Herrn, das «für das Leben der Welt vergossen wurde« der ganzen Schöpfung zu schenken «zur Wegzehrung des ewigen Lebens » und zur «Fülle des Himmelreiches». Nur auf diese Weise wird »die gefallene Natur erneuert». Nur so können wir den «Unerreichbaren erreichen» und werden zu ihm von der sichtbaren Schöpfung geleitet. «Ich rede von allen deinen Taten und sage von den Werken deiner Hände” spricht prophetisch König David, der im Heiligen Geist die Schöpfung betrachtet und von ihr und durch sie zum Schöpfer geleitet wird. Deshalb ist die Schöpfung eine Geleiterin zur Gotteserkenntnis, sie ist eine Lehrerin, die uns folgendes beibringt: die Selbstgenügsamkeit, die Auferstehung, den Fleiss, die Gemeinschaftlichkeit, die Sorglosigkeit, das Vermeiden der Koketterie und, mit einem Wort, die Nachhaltigkeit.

 

***

 

An dieser Stelle müssen wir uns selbst und gegenseitig daran erinnern, dass wenn der Mensch nicht frei wird vom Verlangen, über seine Geschwister zu herrschen, er keine Ruhe in dieser Welt finden wird. Wenn er von diesem Verlangen frei wird, wird automatisch auch die Schöpfung von der Gefahr des Missbrauchs befreit, denn der Wunsch des Herrschens über die Geschwister wird üblicherweise durch den Missbrauch und die Übernutzung der Schöpfung und ihrer Ressourcen realisiert; so möchte der Mensch seinen Nächsten überwinden und besiegen und so möchten die Staaten und Völker zulasten anderer Staaten und Völker und Nationen dominieren.

Insbesondere gilt in diesem Zusammenhang als Zeugnis dieser soeben beschriebenen Nachhaltigkeit sowohl des spirituellen als auch des materiellen Lebens festzuhalten, dass seit je her, aber auch heute, in den orthodoxen Klöster in der ganzen Welt, die Harmonie des Lebens und der natürlichen Umwelt eine Regel, ein Vorbild und eine tägliche Erfahrung darstellt.

Wir nennen hier den unter der unmittelbaren Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats stehenden Heiligen Berg Athos, wo wir die Entwicklung einer harmonischen Beziehung zwischen der Umwelt und dem orthodoxen Mönchtum sehen und erfahren. An diesem einmaligen natürlichen und gleichzeitig spirituellen Ort mit seiner über 1000 Jahre alten Geschichte, der auch heute einen besonderen Schatz und ein Reiseziel von ganz besonderer natürlicher Schönheit darstellt, erleben die Mönche in ihrem Alltag bereits das Jenseits und ihre Produktionstätigkeiten werden deshalb zu einem fruchtbaren Dialog mit der Natur.

Die bis heute anzutreffende Schönheit und Harmonie in der Natur und der Bewohner des Heiligen Berges wird eindringlich vom österreichischen Schriftsteller Franz Spunda als Vorbild und Modell für unsere Zeit beschrieben, wie er es an diesem heiligen Ort erlebte, den man den Garten der Mutter Gottes nennt. 1926 besuchte er ihn und schreibt: “Mein Herz aber schwelgt in Athoswonne. Immer tiefere Wälder, immer leuchtendere Lüfte! Immer wonniger schlürft die  Brust den würzigen Brodem der tropfenden Tamarisken und balsamischen Kräuter. Nun leuchtet das Meer vor mir auf und auch hinter mir dehnt es sich weit (...) O wonniger Anblick, den ich nun viele Wochen Iang genießen sollte, nie warst du mir teurer, liebliches Bild, als damals, wo ich zum erstenmal mit Entzücken dich schlürfte! Was sind alle anderen Zauber von Hellas gemessen an dir? Was der Taygetos, was Santorin, was das gewaltige Kreta? Heilige Rührung schwebt über der Landschaft wie ein unsichtbarer Engel, der mit seinen Fittichen Land und Meer beschützt. Wenn irgendwo das Paradies auf Erden zu finden ist, so ist es hier.”

Das Beispiel des Heiligen Berges und seiner 20 Klöster, seiner Skiten, Mönchssiedlungen und Einsiedeleien, aber auch anderer orthodoxer Klöster außerhalb des Heiligen Berges, in Griechenland und in anderen Ländern, wie zum Beispiel das Kloster Maria Schutz in Solan in Ihrem Nachbarland Frankreich, wo die Mönche besonderen Wert auf konsequenten ökologischen Anbau ihrer Agrarproduktion legen, zeigt, dass die Tradition der harmonischen Beziehung des Menschen zur Natur noch auf byzantinische Zeit und auf die Zeit der Kirchenväter zurückgeht.

Diese Harmonie beschreibt bezeichnend der aus Konstantinopel stammende Gelehrte Manouil Gedeon im Jahr 1885: «Die Landschaften, wo die Klöster des Athos gebaut und die Einsiedeleien angesiedelt sind, haben etwas Pittoreskes. Dies wussten jene, welche sie gebaut bzw. angesiedelt haben, und sie wissen es immer noch, wie man in Liebe zur Schönheit, das Staunen des Pilgers beeinflussend, Form und Größe kombiniert, ob es nun um die Wohngebäude und die Kirchen, ihre Kuppeln und die Dächer der Kapellen, die Zellen und die Balustraden, die Glockentürme und die hohen Wehrtürme geht» (Μ. Γεδεών, θως - ναμνήσεις, γγραφα, Σημειώσεις, Πατριαρχικόν Τυπογραφεον, Κωνσταντινούπολις 1885, S. 16-18). Auf diese Weise beschreibt der gelehrte Historiker aus dem Phanar das architektonische Ethos des heiligen Berg, wo die von Menschenhand geschaffenen Bauten sich harmonisch in die natürliche Umwelt einfügen, ohne sie zu verfremden. Ist diese Harmonie nicht auch bei den byzantinischen Kirchen der Stadt Konstantins des Großen, wie der Hagia Sophia,  der Hagia Irini, dem Klosterkomplex des Pantokrator-Klosters, der Pantepoptou-Kirche, der Akataliptou-Kirche, der bis heute als Kirche verwendeten Panagia der Mongolen und Hl. Georg Kyparissas in Ypsomatheia sowie der historischen früheren Kirchen in Trapezunt, Nikaia oder Nikomidia oder generell im Osten, im byzantinischen Thessaloniki deutlich zu erkennen? Der Heilige Berg setzt - als Überbleibsel oder Fortführung von Byzanz - auch in dieser Hinsicht jenes klare orthodoxe Ethos des Maßes, der Harmonie und der Konvivenz fort, das zwischen der unbeseelten Schöpfung, den Lebewesen und dem Menschen herrscht, der auf göttliches Gebot und mit göttlicher Zustimmung der König der Schöpfung ist.

Die orthodoxen Mönche und die orthodoxen Gläubigen tragen also Sorge und sollen immer Sorge dafür tragen, dass es eine Symmetrie zwischen den Bedürfnissen und dem Gebrauch, zwischen den Gütern und dem Raum geben soll, wie es Basilius der Große als Aufforderung und Regel vorgibt: «Die beste Art und Regel der Enthaltsamkeit sei so, dass man weder Luxus noch körperliches Leiden im Auge habe, sondern in beiden Richtungen die Maßlosigkeit meide… Es sei also der Gebrauch der Notwendigkeit angemessen» (Sermo asceticus, PG 31, 876-877).

Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: Deshalb findet im orthodoxen Mönchtum zum Beispiel die Ausbeutung der Wälder, (die Forstwirtschaft stellt bekanntlich eine der wichtigsten Gewinnsparten der  Weltwirtschaft dar), stets nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit statt. Das bedeutet, die Forstprodukte werden benutzt und verwendet, ohne dass die natürlichen Ressourcen zerstört werden.

Diese Tradition ist nicht etwas Totes oder etwas Veraltetes aus der Vergangenheit, als die Technologie und die Wissenschaften noch nicht auf dem heutigen Stand waren und den gegenwärtigen Fortschritt verzeichneten. Diese Tradition war von jeher das Vorbild für die Harmonie zwischen Mensch und Natur. Dieses Vorbild und diese Praxis reichen aus, um die nie zuvor gekannte ökologische Krise zu überwinden, die neben der nuklearen Bedrohung eine der beiden Hauptgefahren für die Zukunft der Menschheit darstellt.

Das Mönchtum, das in der orthodoxen Kirche gelebt wird, zeigt als Lebensweise einen Weg zum Schutz der uns umgebenden Welt auf. Es ist ohne Zweifel ein spiritueller Wegweiser für einen besseren, einfacheren, bescheideneren und authentischeren Lebensstil.

Es ist erforderlich, dass der Mensch, der das so genannte ökologische Problem lösen will, seine Haltung und Denkweise ändert und eine Sicht der Dinge einnimmt, welche als Fundament und Grundlage die Enthaltsamkeit hat, den schonenden Gebrauch der Produkte der Natur und die liebende Fürsorge für die Bewahrung des Gleichgewichts in der Umwelt. Diese Denkweise muss ein Gegengewicht darstellen zur Denkweise des heutigen Menschen, der die Natur und ihre Ressourcen in räuberischer und gewaltsamer Manier ausbeutet, was zum vollkommen Verschwinden dieser von Gott geschenkten lebenserhaltenden Ressourcen führt.

Durch koordinierte Anstrengungen aller Faktoren, in Geduld und Beharrlichkeit, in ständiger Überzeugungsarbeit und Kooperation, durch Änderung des Lebensstils und der Denkweise ist es möglich, dass dieser Planet, unsere Welt, wieder zu einem Ort der absoluten Harmonie zwischen Mensch und Natur wird, wo die natürliche und die vom Menschen geschaffene Umwelt sich gegenseitig durchdringen.

Und da wir hier über die Nachhaltigkeit des Lebens und die Bewahrung und den Schutz der Umwelt sprechen, möchten wir mit zwei Anmerkungen schließen. Dies ist zum einen eine Anmerkung der Kirchenväter, vertreten durch den Heiligen Johannes Chrysostomus: „Bewundere den Herrn wegen der Schöpfung. Übersteigt aber unter den sichtbaren Dingen etwas deinen Verstand (...) so verherrliche den Schöpfer auch darum, dass seine Weisheit in der Schöpfung deinen Begriff übersteigt“ (Homilie über die Bildsäulen 12,3, P.G. 49,130). Die zweite ist der Hl. Schrift entnommen, und zwar aus jenem alttestamentlichen Buch, das die Septuaginta das 3. Buch der Könige nennt. Dort heisst es: Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer.“ Nach dem Feuer aber, liebe Zuhörer,  „kam ein sanftes, leises Säuseln. Dort war der Herr“ (1 Chron 19, 11-12).

Dies ist die Botschaft unserer geringen Person und die Jahrhunderte alte Stimme der Kirche von Konstantinopel, des Ökumenischen Patriarchats, zur Nachhaltigkeit des Lebens und der Bewahrung der Schöpfung in Geist und Wahrheit.

Ein jeder möge für sich seine Schlüsse ziehen, gemeinsam können wir dann den Weg planen und unsere Ziele formulieren.

Wir danken Ihnen für die Aufmerksamkeit, mit der sie uns zugehört haben.

Die Gnade des Schöpfergottes aller Dinge, der stets vorsorgt und nachhaltig ist, und sein reiches Erbarmen seien mit euch allen. Amen