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27.06.2014 02:06 Alter: 5 yrs

Geistliches Wort beim Orthodoxen Priestertag 2014 19. Juni 2014 – Düsseldorf

von Bischof Bartholomaios von Arianz


„Niemand kann allein gerettet werden.“

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Verehrte Väter, liebe Gemeinde!

Jeder von uns kennt das Gebet, das der Herr selbst uns hinterlassen hat. Deshalb nennt man das Vaterunser ja auch das Herrngebet. Erstaunlich ist an diesem Gebet, dass wir darin immer, auch wenn wir es allein sprechen, „Vater unser“ sagen, also den Plural benutzen. Nach dem Bericht des Lukasevangeliums war es einer der Jünger, der zum Herrn sagte „Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte!“[1]. Jesus sagte aber dann: „Betet nun so: Unser Vater!“[2] Was für die Jünger des Herrn galt, gilt auch für uns.

Es ist nämlich gar nicht möglich, das Gebet eines jeden Einzelnen von uns isoliert zu betrachten. Natürlich betet jeder einzelne von uns, natürlich hat jeder von uns seine ganz speziellen Anliegen und seine eigenen Gründe, Gott für etwas zu danken oder Gott um etwas zu bitten. In dem Moment aber, wo wir unser eigenes Gebet von dem der Anderen trennen, geben wir zwei Dinge auf: die Kirche und das Heil unserer Seele. Beides ist übrigens auch nicht voneinander zu trennen.

Wenn wir also statt „Vater unser“ „Vater mein“ sagen würden, selbst wenn dies alle Menschen auf der Welt täten, wären wir doch alle verloren, da wir die Rettung unserer Seele aufgeben würden und die Kirche verlassen hätten. Denn niemand kann sich selbst retten und niemand kann allein gerettet werden. Dieses Wort gilt in ganz besonderer Weise für uns Geistliche, die in der Kirche dienen, da wir häufig und auf unterschiedliche Weise dem LOGISMOS, dem verführerischen Gedanken, ausgesetzt sind, die Angelegenheiten unserer Kirche allein regeln zu wollen. Von diesem Gedanken ist es nur noch ein Schritt bis zur Sünde des Hochmuts und der Verachtung unserer Mitchristen, also unserer Gemeindemitglieder, unserer Mitbrüder im priesterlichen Dienst und unserer Bischöfe.

Niemand kann allein gerettet werden. Dies bedeutet, dass wir das heilsame Miteinander suchen sollen und müssen: auch der heutige Priestertag ist ein Teil dieser Suche nach der Gemeinsamkeit. Auch die Gründung und die Existenz unserer Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland gehört meines Erachtens zu diesem Weg.

Es geht heute also nicht um ein Organisationsmeeting, es geht nicht um Koalitionen und Planungen, sondern ganz einfach um das Heil unserer Seele, das wir in unserem gemeinsamen Glauben suchen und isoliert voneinander nicht erlangen können. Ich sage das, weil wir in einer Zeit leben, von der man behauptet hat, dass ihr größtes Problem die Vereinsamung und die Einsamkeit des Menschen ist. Viele Phänomene unserer Zeit, sagt man, haben damit zu tun, dass die Kommunikation zwischen den Menschen nicht funktioniert. Und was ist unsere orthodoxe Antwort auf diese Herausforderung? Eben diese Gemeinsamkeit, die für uns ein Geschenk, eine Gabe des Heiligen Geistes ist.

Wir haben vor wenigen Tagen das Fest der Herabkunft des Heiligen Geistes gefeiert; wir haben gefeiert, dass die Apostel „Kraft von oben“[3] empfangen haben. Haben Sie, liebe Väter und Brüder, sich je gefragt, warum dieses Pfingstereignis so, in dieser Art und Weise, stattgefunden hat? Ein jeder Einzelne der Apostel hat den Heiligen Geist empfangen, aber geschehen ist dies dann und dort, als sie alle gemeinsam versammelt waren. In dem Augenblick, in dem sie den Schritt von der Individualität zur Kollektivität getan haben, waren sie geisterfüllte Kirche.

Niemand kann allein gerettet werden. Dies bedeutet, dass unser Gott, „der Liebe ist[4]“, dass unser Gott der Gemeinschaft ist, ein Gott in drei Hypostasen, von uns erwartet, nach „seinem Bild und Seiner Ähnlichkeit“ ebenfalls Liebe und Gemeinschaft zu sein. Und das gilt auf allen Ebenen unserer menschlichen Existenz: in der Familie, in der Kirchengemeinde, in der Gesellschaft.

Lassen Sie uns noch einen Augenblick über die Kirche nachdenken, die uns ja heute zusammengebracht hat. Man könnte ja sagen, dass in dem Augenblick, in dem wir den Schritt vom „Vater mein“ zum „Vater unser“ vollziehen, Kirche Realität wird. Unser Auftrag als Priester der Kirche ist es, diese heilbringende Botschaft der Welt zu vermitteln. Unser Herr Jesus Christus, der das Getrennte vereint hat[5] , beruft uns, Zeugen und Verkünder seiner Liebe in der Welt zu sein. Das ist die Sendung, welche die Apostel am Pfingstfest erhalten haben; sie geben wir als Bischöfe und Priester durch die Zeit weiter, ein jeder von uns individuell und doch immer und immer wieder in der Gemeinschaft der Kirche. Am Sonntag nach Pfingsten begeht unsere Orthodoxe Kirche den Sonntag aller Heiligen und sie feiert dabei die Vielfalt der Gnadengaben (CHARISMATA) des Heiligen Geistes. So singen wir an diesem Tag „Kommt ihr alle, lasst uns an der Heiligen Gedächtnis uns freuen. Denn seht: Erschienen ist es und schenkt uns reich machende Gnadengaben. Darum lasst uns mit der Stimme des Jubels und in reinem Gewissen rufen und sprechen: Seid gegrüßt, Schar der Propheten, die ihr Christi Kommen der Welt verkündet habt und was fern war, als nah vorausgeschaut habt. Seid gegrüßt, Chor der Apostel, die ihr die Völker gefischt und die Menschen geangelt habt. Seid gegrüßt, Gemeinde der Märtyrer, die ihr von den Enden der Erde zum einen Glauben versammelt wurdet (...). Seid gegrüßt, Bienenstock der Väter, die ihr eure eigenen Körper der Askese unterworfen habt.“[6]

Jede Form der menschlichen Heiligkeit ist also Gnadengabe des Heiligen Geistes. Und in der Vielfalt der Gaben konstituiert sich die Fülle der Kirche. Alle Heiligen bilden gemeinsam die Kirche und tragen durch ihre jeweilige Eigenheit zur Fülle und Schönheit der Kirche bei. Ein Beispiel: Es reicht, wenn wir in das Synaxarion des heutigen Tages schauen, ganz gleich, ob wir nun dem alten oder dem neuen Kalender folgen. Da finden wir für den 6. Juni einen Wüstenvater, weiterhin den Abt eines Klosters in Konstantinopel, drei Märtyrerinnen aus Rom, einen Patriarchen aus Alexandria, mehrere Märtyrer aus Skythien, einen Bischof aus Russland, fünf heilige Jungrauen aus Palästina. Und für den 19. Juni gilt Ähnliches: da gibt es Heilige aus vielen Völkern und Gegenden der Erde, aus allen Jahrhunderten der Kirchengeschichte vom heiligen Apostel Judas, dem Bruder des Herrn, bis zum heiligen Johannes Maximowitsch von Shanghai, der 1966 entschlafen ist.

In all ihrer Unterschiedlichkeit und zu allen unterschiedlichen Zeiten, in denen sie gelebt haben, verbindet sie die Nähe zu Christus und das Bewusstsein, gemeinsam zu Seiner Kirche zu gehören. Diese Katholizität der Kirche feiern wir in jeder Göttlichen Liturgie, die wir „für die ganze Welt“ feiern. Wir bilden sie ab auf dem Heiligen Diskos, wo alle Heiligen das Lamm umgeben. Und wir bilden sie hoffentlich auch in unserem täglichen Leben ab, in der „Liturgie nach der Liturgie“, welche die Entsprechung und Anwendung außerhalb der Kirchenmauern dessen ist, was wir innerhalb der Kirche feiern.

In vielen unserer autokephalen Landeskirchen feiern wir am kommenden Sonntag, sozusagen in der Verlängerung des Sonntags aller Heiligen, noch einmal ganz besonders die heiligen Männer und Frauen des jeweiligen Landes oder der jeweiligen Region. Das ist ein schöner und gesegneter Brauch, solange wir nicht vergessen, dass wir zuletzt gerade das gefeiert haben, was alle Heiligen verbindet, und wir sie jetzt nicht wieder künstlich trennen dürfen.

Niemand kann allein gerettet werden. Deswegen beten wir in unserer Göttlichen Liturgie, nicht nur für uns selbst, sondern für alle, die Reisenden, die Gefangenen, die Kranken, die Einsamen und Verlassenen, für die „die uns hassen, für die, die uns lieben, für die, welche uns Unwürdigen aufgetragen haben für sie zu beten“, und für alle Anderen.

So haben wir heute in besonderer Weise an unseren Düsseldorfer Mitbruder, Erzbischof Longin von Klein gedacht, der gerne heute hier gewesen wäre, um die Liturgie zu feiern, wegen seiner Erkrankung aber absagen musste. Unser Herr Jesus Christus, der einzige Arzt der Seelen und Leiber, schenke ihm Gesundheit und Kraft zum Wohl unserer heiligen Kirche.

Als Orthodoxe Bischofskonferenz haben wir auch Anlass zu dankbarem Gebet. Wir freuen wir uns über drei neue bischöfliche Mitglieder unseres Gremiums, drei neue Bischöfe, die ihren Dienst in Deutschland bzw. für Deutschland versehen werden und deren Mitarbeit wir bereits jetzt erwarten. Es sind dies in chronologischer Reihenfolge ihrer Weihe:

-        Erzbischof Job von Telmessos, der für das Exarchat der Gemeinden russischer Tradition im Rahmen des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel zuständig ist,

-        Bischof Lazare, der die neugebildete Diözese der Georgisch-Orthodoxen Kirche in Österreich und Deutschland leiten wird,

und schließlich,

-        der zukünftige Bischof der Serbisch-Orthodoxen Kirche für Mitteleuropa, Sergije, der am 26. Juli seine Bischofsweihe und am 7. September seine Amtseinführung haben wird.

In diesen Tagen ist der serbische Patriarch Irinej in Deutschland, der diese Diözese bis jetzt kommissarisch geleitet hat, um diese Feierlichkeiten und die Amtsübergabe vorzubereiten. Wir grüßen ihn von dieser Stelle aus und danken ihm für die Möglichkeit, diesen Priestertag hier in Düsseldorf feiern zu können. Und ebenso danken wir natürlich den Priestern und den Gläubigen dieser Kirchengemeinde, die uns heute so freundlich empfangen.

 

Liebe Mitbrüder,

Niemand kann allein gerettet werden. Dies gilt, wie gesagt, auf allen Ebenen unseres Christseins und unseres priesterlichen Dienstes. In unserer speziellen Situation in Deutschland bedeutet dies, dass wir uns ein bloßes Nebeneinander unserer Kirchengemeinden unterschiedlicher Sprache und Herkunft und ihrer Geistlichen nicht leisten können. Und ich wiederhole, dass ich dies nicht in einem kirchenpolitischen oder diplomatischen Sinne meine, sondern in einem soteriologischen Sinn. Wenn wir nicht auf die Herkunft der Menschen, sondern auf ihren Glauben schauen, wie dies unser Herr im Fall der Kananäerin[7] getan hat, sind wir auf dem „Weg des Heils“. Dieses Heil, das nicht unterscheidet zwischen „Juden und Griechen, zwischen Knechten und Freien, zwischen Mann und Frau“[8] ist unsere vorliegende Aufgabe als getaufte Christen und als Arbeiter im Weinberg des Herrn. Dazu möge uns der heutige Tag eine Hilfe sein. Amen.



[1]          Lk 11,1-2.

[2]          Mt 6,9ff.

[3]          Lk 24,49.

[4]          1 Joh 4,8.

[5]          Vgl. Eph 2,14.

[6]          Δεῦτε ἅπαντες, πνευματικῶς εὐφρανθῶμεν, ἐπὶ τῇ μνήμῃ τῶν Ἁγίων· ἰδοὺ γὰρ παραγέγονε, πλουτοποιὰ ἡμῖν χαρίσματα κομίζουσα· διὸ ἐν φωνῇ ἀγαλλιάσεως, καὶ καθαρῷ συνειδότι, ἀναβοήσωμεν λέγοντες· Χαίρετε Προφητῶν ὁ σύλλογος, οἱ τὴν ἔλευσιν Χριστοῦ τῷ κόσμῳ κηρύξαντες, καὶ τὰ πόρρω ἐγγὺς προβλέποντες. Χαίρετε Ἀποστόλων ὁ χορός, οἱ τῶν ἐθνῶν σαγηνευταί, καὶ ἁλιεῖς τῶν ἀνθρώπων. Χαίρετε Μαρτύρων ὁ δῆμος, οἱ ἐκ περάτων γῆς συναθροισθέντες εἰς μίαν πίστιν, καὶ ὑπὲρ ταύτης βασάνων αἰκισμοὺς ὑπομείναντες, καὶ τελείως τὸν τῆς ἀθλήσεως στέφανον εἰληφότες. Χαίρετε Πατέρων ὁ μελισσών, οἱ τὰ ἑαυτῶν σώματα τῇ ἀσκήσει κατατήξαντες, καὶ νεκρώσαντες τὰ πάθη τῆς σαρκός, τὸν νοῦν θείῳ ἔρωτι ἐπτερώσατε, εἰς οὐρανοὺς ἐνέπτητε, καὶ σὺν Ἀγγέλοις εὐφραινόμενοι, ἀπολαύετε τῶν αἰωνίων ἀγαθῶν. Ἀλλ' ὦ Προφῆται, Ἀπόστολοι, καὶ Μάρτυρες σὺν Ἀσκηταῖς, τὸν ὑμᾶς στεφανώσαντα, ἐκτενῶς δυσωπεῖτε, τοῦ λυτρωθῆναι ἐξ ἐχθρῶν ἀοράτων καὶ ὁρατῶν, τοὺς ἐν πίστει, καὶ πὀθῳ τελοῦντας, τὴν ἀεισέβαστον μνήμην ὑμῶν. (Hymnus zur Liti des Allerheiligen-Sonntags)

[7]          Mt 15, 21-28.

[8]          Vgl. Gal 3,28.