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25.05.2011 22:18 Alter: 6 yrs

ENZYKLIKA ZUR FRIEDENSKONVOKATION

des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios


+ B A R T H O L O M A I O S
DURCH GOTTES ERBARMEN
ERZBISCHOF VON KONSTANTINOPEL, DEM NEUEN ROM,
UND ÖKUMENISCHER PATRIARCH
DEM GANZEN VOLK DER KIRCHE
GNADE, ERBARMEN UND FRIEDEN UND 
UNSERES ERLÖSERS UND HERRN DES FRIEDENS

Geliebte Brüder und Kinder in Christus,

in jeder Feier der Göttlichen Liturgie richten wir nach dem Lobpreis des göttlichen Namens und dem Segen für das himmlische Reich drei Bitten an den Herrn: wir bitten „um Frieden“, „um den Frieden von oben“ und „um den Frieden der ganzen Welt“. Wir haben die tiefe Sehnsucht, dass unsere Welt ein Spiegelbild des Reiches Gottes sein möge, dass die Liebe Gottes „im Himmel wie auf Erden“ herrschen möge.

Aber auch wenn dieser Friede in unseren Gebeten stets präsent ist, so steht er in unserer gelebten  Praxis doch nicht immer im Mittelpunkt. Als gehorsame Jünger und Jüngerinnen unseres Herrn des Friedes müssen wir unaufhörlich alternative Wege suchen und fordern, die Gewalt und Krieg keinen Platz lassen. Menschliche Konflikte mögen in unserer Welt unvermeidlich sein, Krieg und Gewalt sind es ganz gewiss nicht. Wenn von diesem Jahrhundert überhaupt etwas in Erinnerung bleiben soll, dann sollte es sein, dass wir „dem nachstreben, was zum Frieden dient“ (Röm 14,19).

Das Streben nach Frieden hat sich immer als große Herausforderung erwiesen. Aber unsere heutige Situation ist zumindest in zweifacher Weise beispiellos. Erstens hatte eine einzelne Gruppe von Menschen in der Vergangenheit noch nie die Möglichkeit, so viele Menschen gleichzeitig auszulöschen; zweitens war die Menschheit noch nie zuvor in der Lage, einen so großen Teil unseres Planeten ökologisch zu zerstören. Wir sind mit radikal neuen Bedingungen konfrontiert, die von uns ein genauso radikales Bekenntnis zum Frieden verlangen.

Aus diesem Grund begrüßen wir mit großer Freude die Internationale ökumenische Friedenskonvokation des ÖRK in Kingston (Jamaika), die krönender Abschluss und Fortsetzung der Dekade des ÖRK zur Überwindung von Gewalt zugleich ist, dieser globalen zwischenkirchlichen Inititative zur Stärkung bestehender Netzwerke und Aktionen gegen Gewalt und zur Schaffung neuer Netzwerke und Initiativen.

Das Streben nach Frieden erfordert eine radikale Umkehr von der mittlerweile normativ gewordenen Überlebensweise in unserer Welt. Friede erfordert die Bereitschaft zur  Umkehr, zur metanoia; er fordert Verpflichtung und Mut. Darüber hinaus ist Friedensstiften eine Frage des persönlichen und institutionellen Wollens. Es steht in unserer Macht, unserer Welt entweder weiter Wunden zuzufügen oder aber zur Heilung dieser Wunden beizutragen. Dies ist, einmal mehr, eine Frage des Wollens.

Gerechtigkeit und Frieden sind zentrale Themen in der Heiligen Schrift. Als orthodoxen Christen liegt uns jedoch auch die tiefe Tradition der Philokalia am Herzen, die betont, dass Friede letztlich immer im Herzen beginnt. Wie St. Isaak der Syrer im 7. Jahrhundert sagte: „Halte Friede in deiner Seele, so werden Himmel und Erde mit dir im Frieden sein.“ Dieser innere Friede muss jedoch in allen Bereichen unseres Lebens und unserer Welt manifest werden. Genau das unterstreicht die Konvokation in Jamaika mit ihren vier Unterthemen: Friede in der Gemeinschaft, Friede mit der Erde, Friede in der Wirtschaft und Friede zwischen den Völkern.

In einer zunehmend komplexen und gewalttätigen Welt sind christliche Kirchen zu der Erkenntnis gelangt, dass ihr Engagement für den Frieden primär Ausdruck ihrer Verantwortung für das Leben der Welt ist. Sie stehen vor der Herausforderung, über rein verbale Verurteilungen von Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit hinauszugehen und ihre ethischen Urteile in praktisches Handeln umzusetzen, das einen Beitrag zur Kultur des Friedens leistet. Diese Verantwortung gründet darauf, dass alle Menschen von ihrem Wesen her gut sind, weil sie Gottes Ebenbild sind und alles, was Gott erschaffen hat, gut ist.

Friede ist untrennbar verbunden mit der Vorstellung von Gerechtigkeit und Freiheit, die Gott allen Menschen durch Christus und das Werk des Heiligen Geistes als Gabe und Berufung geschenkt hat. Friede stellt ein Lebensmodell dar, das die menschliche Teilhabe an Gottes Liebe zur Welt widerspiegelt. Der dynamische Charakter des Friedens als Gabe und Berufung stellt nicht die Existenz von Spannungen in Abrede, die ein wesentliches Merkmal menschlicher Beziehungen darstellen, kann aber deren zerstörerische Wirkung durch die Schaffung von Gerechtigkeit und Versöhnung mildern.

Die Kirche versteht Frieden und Friedensstiften als unverzichtbaren Bestandteil ihres Lebens und ihrer Mission in der Welt. Sie gründet diese Glaubensüberzeugung auf die Gesamtheit der biblischen Tradition, wie sie in der liturgischen Praxis und Erfahrung der Kirche ausgelegt wird. Die Eucharistie bietet den Raum, in dem Christen die Fülle des christlichen Glaubens in der Geschichte der göttlichen Offenbarung erkennen und erfahren. Sie lässt das Bild von Gottes trinitarischem Leben im Menschen aufleuchten und begründet einen Liebesbund mit der ganzen geschaffenen Welt.

Diese eschatologische Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott und der Teilhabe an Gottes Liebe zur geschaffenen Welt bietet der christlichen Gemeinschaft den hermeneutischen Schlüssel zur existenziellen Auslegung des ganzen Reichtums der christlichen Tradition, einschließlich der Heiligen Schrift, und zur Strukturierung von Leben und Mission der Kirche in der Welt. Liebe stellt den Kern der göttlichen Offenbarung in Jesus Christus dar. In diesem Sinne legte die patristische Tradition Gewalt in der Bibel so aus, dass sie sie in Zusammenhang mit dem geistlichen Kampf der Gläubigen gegen den Teufel, das Böse und die Sünde sah. Diese Auslegung schließt  ein, dass der Gott Jesu Christi und der christliche Glaube nicht mit Gewalt identifiziert werden können.

Paradoxerweise werden uns die Folgen unseres Verhaltens und Tuns für andere Menschen und die Natur nur dann bewusst, wenn wir bereit sind, auf einige der Dinge zu verzichten, die uns lieb und teuer geworden sind. Viele unserer Friedensanstrengungen sind vergeblich, weil wir nicht bereit sind, alte Gewohnheiten aufzugeben, die auf Verschwendung und Konsum aufbauen. Wir halten fest an verschwenderischer Konsumsucht und hochmütigem Nationalismus. Wenn wir jedoch Frieden stiften wollen, ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir die Wirkung unseres Verhaltens und Tuns auf andere Menschen (insbesondere die Armen) und auch auf die Umwelt erkennen. Genau das ist der Grund dafür, dass es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit geben kann.

„Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes heißen“ (Matth 5,9). Kinder Gottes zu werden und genannt zu werden, bedeutet, abzulassen von dem, waswir wollen, und das zu tun, was Gott will, abzulassen von dem, was unseren Interessen dient, und das zu tun, was die Rechte anderer respektiert. Wir müssen anerkennen, dass alle – und nicht nur einige - Menschen es verdienen, an den Ressourcen dieser Erde teilzuhaben.

Das ist der Friede, den unserer auferstandener Herr seinen Jüngern geschenkt hat, und das ist die Hoffnung unseres Herrn für all seine Kinder. Dieser Friede, der „höher ist als alle Vernunft“ (Phil 4,7), sei mit Euch allen.


Sonntag, den 22. Mai 2011
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott