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28.09.2018 10:45 Alter: 17 days

Interview mit Metropolit Augoustinos

Die Tagespost“, 27.9.2018, von Regina Einig


Eminenz, der Streit zwischen Moskau und Konstantinopel wegen der Initiative des Ökumenischen Patriarchats zur Bildung einer eigenständigen orthodoxen Landeskirche in der Ukraine wirkt sich auch in Deutschland aus. Wie groß ist Ihrer Auffassung nach der Schaden?

 

Die Ankündigung des Hl. Synods des Moskauer Patriarchats vom 14. September 2018, „die Teilnahme der Russischen Orthodoxen Kirche an allen Bischofsversammlungen, theologischen Dialogen, multilateralen Kommissionen und anderen Gremien, in denen Vertreter des Patriarchats von Konstantinopel präsidieren oder Ko-Vorsitzende sind“ und die Konzelebrationen zwischen Bischöfen unserer Patriarchate einzustellen, hat in der Tat Auswirkungen in jenen Gebieten, wo es parallele Diözesen des Ökumenischen Patriarchats und des Patriarchats Moskau gibt, also insbesondere in Amerika und in West-, Süd- und Mitteleuropa, also auch in Deutschland. Allerdings haben wir gerade hierzulande eine sehr gute Tradition der Zusammenarbeit zwischen unseren Diözesen, die sich etwa im Miteinander der 2010 gegründeten Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) widerspiegelt. Deshalb ist eine Prognose hier schwierig.

 

Was müsste geschehen, damit sich die Mitglieder der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland bei Ihrer Vollversammlung Anfang Dezember wieder einträchtig versammeln können?

 

Selbstverständlich wird die Bischofskonferenz ordnungsgemäß einberufen werden und Anfang Dezember in Düsseldorf tagen. Wie auch bei früheren Sitzungen ist es nicht sicher, ob alle Diözesanbischöfe daran teilnehmen können. Was die zwei Diözesanbischöfe der Russischen Orthodoxen Kirche – also Erzbischof Tichon und Erzbischof Mark – betrifft, käme eine mögliche Absage der beiden nach dem o.a. Beschluss nicht wirklich überraschend für mich. Denn natürlich ist ein derartiger Synodalbeschluss für beide bindend. Ich glaube, es ist wichtig in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass die Institution der weltweit insgesamt 13 orthodoxen Bischofskonferenzen keine Erfindung des Ökumenischen Patriarchates ist, sondern seinerzeit auf gemeinsamen Beschluss der Vorsteher der 14 autokephalen orthodoxen Landeskirchen gegründet wurde, um eine kanonisch eigentlich nicht zulässige Situation, dass es im gleichen geographischen Territorium mehrere Diözesen unterschiedlicher Herkunftskirchen gibt, pastoral zu „heilen“.

 

Wie bewerten Sie die Schuldzuweisungen der russisch-orthodoxen Kirche an Konstantinopel? Trifft der Vorwurf der „unerlaubten Einmischung“ in die Angelegenheiten der russischen Kirche zu? Handelt Bartholomaios tatsächlich unverantwortlich?

 

Was den Ökumenischen Patriarchen angeht, kann ich sagen, dass ich ihn seit unserer gemeinsamen Studienzeit in Chalki, der inzwischen von der türkischen Regierung geschlossenen Theologischen Hochschule, kenne. Er ist nicht nur ein verantwortungsbewusster Bischof und Hirte unserer Kirche, sondern auch ein exzellenter Kirchenrechtler, der sich nie in ein kirchendiplomatisches Abenteuer stürzen würde. Aber er besitzt noch eine weitere Eigenschaft: Er ist ein charismatischer Patriarch, der den Mut hat, das Richtige zu tun. Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Lösungen. Deshalb hat er zwei Exarchen (Legaten) in die Ukraine entsandt, um ein Schisma zu beenden, das die dortige Kirche und das Land außerordentlich belastet. 

Lassen Sie es mich noch einmal sagen: Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Lösungen. Wer wüsste dies besser, als die Russische Orthodoxe Kirche, die um ein jahrzehntelanges Schisma in ihren eigenen Reihen zu überwinden, die parallele Existenz zweier Diözesen, die den gleichen Namen („von Berlin und Deutschland“) tragen, zugelassen hat? Wenn in der ukrainischen Kirchenfrage dem Ökumenischen Patriarchen eine unerlaubte Einmischung vorgeworfen wird, ist dies nur mit der Schwierigkeit der Kirche Russlands zu erklären, das Erwachsenwerden der Kirche in der Ukraine zu erkennen und zu akzeptieren.

 

Was für Außenstehende zunächst wie ein klassischer kirchenrechtlicher Verwaltungsakt aussieht, hat unmittelbare Folgen für die Eucharistiegemeinschaft innerhalb der Orthodoxie. Wie erklären Sie das einem Nichtorthodoxen?

Sie haben Recht, es handelt sich im Grunde um eine administrative Frage, die es zu klären gilt. Nun ist es aber in der orthodoxen wie in der römisch-katholischen Kirche so, dass die verwaltungsmäßige Verbindung eines Bischofs zu seinem Patriarchen ihren Niederschlag in der Feier der heiligen Eucharistie findet. Deshalb kommemoriert etwa der Erzbischof von Köln in der hl. Messe den Bischof von Rom, also den Papst, und der Metropolit von Deutschland in der Göttlichen Liturgie den Ökumenischen Patriarchen. Die eucharistische Einheit ist ja immer gleichzeitig Ausdruck der (administrativen) Kirchengemeinschaft. Darin liegen ja auch unsere Schwierigkeiten mit der sogenannten Interkommunion mit den anderen Christen begründet.

 

Teilen Sie die Einschätzung, dass der Ökumenische Patriarch Bartholomaios dem Papst näher steht als den orthodoxen Brüdern in Moskau?

 

Eine der Besonderheiten in unserer modernen medialen Welt besteht meines Erachtens darin, dass wir sehr gerne die Dinge nicht auf die zugrunde liegende Sache, sondern auf die agierenden Personen fokussieren. So wird auch die gegenwärtige Krise unserer Kirche, die ich gar nicht bestreiten möchte, auf eine Art Konflikt zwischen Patriarch Bartholomaios und Patriarch Kyrill von Moskau reduziert. Dies ist aber zu kurz gegriffen, da es sich bei allen Beschlüssen immer um synodale Entscheidungen, die von einem Kollektiv und nicht von einer Einzelperson getroffen werden, handelt. Nach dieser Vorbemerkung kann ich, was den Ökumenischen Patriarchen als Personbetrifft, bestätigen, dass er in der Tat eine Freundschaft mit Papst Franziskus pflegt, die sicherlich mit einer ähnlichen Einschätzung der Weltsituation und einer durchaus kompatiblen Schöpfungstheologie zu erklären ist. Daraus aber eine „papistische Einstellung“ und „katholisierende Ekklesiologie“ des Ökumenischen Patriarchen konstruieren zu wollen, wie das in russischen Internetforen und Fernsehsendungen zurzeit geschieht, ist infam und an den Haaren herbeigezogen. Eine weitere Feststellung wiederum, was den Ökumenischen Patriarchen als Person betrifft, mag überraschen: Seit seiner Studienzeit in Genf ist er nämlich mit dem heutigen Patriarchen von Moskau in einer von gegenseitiger Hochachtung geprägten Freundschaft verbunden, die beim Besuch Kyrills am Sitz des Ökumenischen Patriarchats in Konstantinopel (Istanbul) am 31. August 2018 auch für Außenstehende deutlich sichtbar wurde.

 

Welche Konsequenzen hätte ein totaler Bruch der russischen Kirchenspitze mit dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel?

 

Einen solchen Bruch wird es nicht geben. Selbst wenn es vorübergehende Maßnahmen der Abgrenzung o. Ä. geben sollte, wird man –davon bin ich felsenfest überzeugt – in einigen Jahren den Mut des Ökumenischen Patriarchen, die Ukraine in die Autokephalie zu entlassen, als Pioniertat schätzen und als historisch bezeichnen – auch in Russland übrigens!