Weihnachtsbotschaft des Ökumenischen Patriarchen

+ B A R T H O L O M A I O S

durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,

und Ökumenischer Patriarch

allem Volk der Kirche Gnade, Erbarmen und Friede

von Christus, unserem in Bethlehem geborenen Erlöser



In Gott geliebte Mitbrüder, im Herrn geliebte Kinder,


Da wir erneut das strahlende Fest der leiblichen Geburt des Erlösers Christus, der uns aus der Höhe heimgesucht hat, erreicht haben, preisen wir in Lobgesängen und Hymnen Seinen überhimmlischen Namen. Die Menschwerdung des vorewigen Wortes Gottes ist „der Anbeginn unserer Erlösung“, das unbegreifliche „ewige Mysterium“ der Gemeinschaft von Gott und Mensch. Gott, sagt in unübertrefflichen Worten der hl. Maximos d. Bekenner, „wurde menschenliebend wahrhaft Mensch in menschlicher Natur. Doch bleibt die Weise Seiner Menschwerdung auf immer verborgen. Denn er ist auf übermenschliche Weise Mensch geworden.“[1]


Die göttliche Inkarnation enthüllt, zugleich mit der Offenbarung der Wahrheit über Gott, auch die Wahrheit und die endgültige Bestimmung des Menschen: die Vergöttlichung durch Gnade. Der hl. Nikolaos Kabasilas verkündet in hoher Theologie, dass uns Christus „als erster und einziger den wahren und vollkommenen Menschen gezeigt hat“.[2] Seitdem muss der, der Gott verehrt, auch den Menschen ehren; und der, der den Menschen missachtet, frevelt gegen Gott, der unsere Natur angenommen hat. In Christus ist das theologische Wort über Gott zugleich auch ein Wort über den Menschen. Die göttliche Heilsökonomie im Fleisch hebt das Bild vom mächtigen und strafenden Gott, der sich in einer Gegnerschaft zum Menschen befindet, auf. Christus ist überall, allezeit und in allem die Aufhebung der Missachtung des Menschen und der Verteidiger seiner Freiheit. Das Leben der Kirche repräsentiert und drückt – so wie das Fleisch, das der Mensch gewordene Sohn, das Wort Gottes[3], angenommen hat – dieses allerlösende Mysterium der Gottmenschheit aus und steht in seinem Dienst.

Mit dem Siegeszeichen der „neuen Schöpfung“ des Menschen in Christus und der Erneuerung der ganzen Schöpfung legt die Kirche auch heute ihr gutes Zeugnis ab im Angesicht all jener Entwicklungen, die die Heiligkeit der menschlichen Person und die Unversehrtheit der Schöpfung bedrohen. Denn sie lebt und verkündet die Wahrheit des ursprünglichen geistlichen Lebens und die Kultur der Liebe und der Solidarität. Indem sie „von der Hoffnung, die in uns ist“[4] Rechenschaft gibt, sieht sie in der gegenwärtigen Zivilisation keinesfalls das neue, von der Sünde durchdrungene Ninive und ruft nicht wie Jonas den göttlichen Zorn auf sie herab, um sie zu vernichten. Vielmehr kämpft die Kirche dafür, dass die gegenwärtige Welt in Christus umgestaltet werde. In unserer Zeit sind pastorale Kreativität, Dialog statt Beharren auf Widerspruch, Teilnahme statt Verweigerung, konkretes Handeln statt weltflüchtiger Theorie, kreative Annahme statt kategorischer Ablehnung gefragt. All das geht nicht zu Lasten der Spiritualität und des gottesdienstlichen Lebens, sondern erweist die unzertrennliche Einheit der sogenannten „vertikalen“ mit der „horizontalen“ Dimension des kirchlichen Seins und Zeugnisses. Treue zur Überlieferung der Kirche bedeutet nicht, sich in die Vergangenheit zu flüchten, sondern die angemessene Würdigung vergangener Erfahrung in der Gegenwart.


Auch im vergehenden Jahr hat die Corona-Pandemie die Menschheit erschüttert. Wir preisen den Gott des Erbarmens, dass er die Experten unter den Wissenschaftlern befähigt hat, wirksame Impfstoffe und andere Medikamente zur Bekämpfung dieser Krise zu entwickeln, und rufen die Gläubigen, die sich noch nicht haben impfen lassen, dazu auf, dies zu tun; wir ermahnen darüber hinaus alle, die von den Gesundheitsbehörden vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen zu befolgen. Die Wissenschaft ist, sofern sie dem Menschen dient, eine kostbare Gabe Gottes. Wir sollen diese Gabe dankbar annehmen und uns nicht von den verantwortungslosen Stimmen jener verführen lassen, die keine Fachkenntnisse haben und sich selbst zu Vertretern Gottes und des wahren Glaubens und zu „geistlichen Ratgebern“ machen, sich gleichzeitig jedoch durch fehlende Liebe zu ihren Geschwistern, deren Leben sie in große Gefahr bringen, auf elende Weise selbst widerlegen.

Ehrwürdige Brüder, geliebte Kinder,

mit unerschütterlichem Glauben daran, dass der Gott der Weisheit und der Liebe das Leben eines jeden von uns und den Gang der Menschheit insgesamt lenkt, erwarten wir ein frohes Jahr 2022, das unabhängig von den äußerlichen Gegebenheiten und Entwicklungen für uns alle ein Jahr des Heils sein wird. Denn auch in diesem kommenden Jahr wird Christus, der aus Menschenliebe alles verfügt und „der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“[5], den Gang der Ereignisse bestimmen.


Wenn es dem Herrn wohlgefällt, wird im kommenden Jahr in der Heiligen Großen Woche hier im ehrwürdigen Sitz unseres Patriarchats die Weihe des Heiligen Myrons vollzogen werden. Wir halten es für ein unserer geringen Person gewährtes einzigartiges Geschenk Gottes, dass wir gewürdigt werden, dieser feierlichen und ergreifenden heiligen Handlung während unserer Amtszeit als Patriarch bereits zum vierten Mal vorstehen zu können. Dank sei Gott für alles!



Mit diesen Empfindungen verehren wir ehrfürchtig das in Bethlehem geborene Jesuskind und wenden uns in Gedanken unseren dortigen Brüdern und Schwestern in Christus zu und beten für das friedliche und harmonische Zusammenleben aller im Heiligen Land. Für alle aber, die nah und fern sind, erbitten wir eine gesegnete Zeit der heiligen zwölf Tage und ein gesundes, an guten Werken fruchtbares und von göttlichen Gaben erfülltes neues Jahr der Güte des Herrn. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen.



Weihnachten 2021

+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel,

Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott

[1] Theologische und Ökonomische Centurien über Tugend und Laster, 12. Kapitel der ersten Centurie, PG 90,1184 [2] Nikolaos Kabasilas, Vom Leben in Christus, PG 150,680-681 [3] Vgl. Johannes Chrysostomos, Rede vor der Verbannung, PG 52,429 [4] 1 Petr 3,15 [5] 1 Tim 2,4