Geistliche Reflexionen aus Anlass der Corona-Pandemie

von Erzpriester Dr. Vasileios Thermos

Professor an der Kirchlichen Hochschule Athen


Wie geht man mit etwas um, das es noch nie zuvor gab?


„Je höher die Berge sind, desto tiefer sind die Schluchten“ sagt eine griechische Redensart. Je plötzlicher eine Krise auftritt, desto unvorbereiteter trifft sie uns. Und je fremdartiger sie ist, desto schutzloser erscheinen wir ihr gegenüber.


Es ist nicht befremdlich, dass wir Schwierigkeiten hatten, Lösungen zu finden, die auch in kirchlicher Hinsicht nicht zu beanstanden sind. Es ist auch nicht übermäßig schlimm, dass sicher auch einige Fehler passiert sind. Die menschliche Unvollkommenheit gestattet es nicht, dass wir bei etwas Überraschendem gleich gänzlich vorbereitet sind. Das Problem, das wir mit dem, was unvermittelt eintritt, haben, besteht nicht darin, dass wir nicht gleich die ideale Lösung parat haben: das lässt sich nicht vermeiden. Es besteht vielmehr darin, dass es bisweilen problematische Auffassungen und Haltungen zum Vorschein bringt, über die wir uns noch nie Gedanken gemacht haben, weil die Bedingungen bislang so waren, dass sie nicht zutage traten.

Die Corona-Pandemie schenkt uns die außerordentliche Gelegenheit, darüber nachzudenken, auf welche Weise ein jeder von uns sie erlebt hat und noch erlebt, so dass wir zu jener notwendigen Selbstkritik voranschreiten können, die ein beständiger Begleiter jedes Christen ist. Dasselbe gilt auch für die Tendenzen, die innerhalb unserer Kirche aufgetaucht sind. Dass die unter den Gläubigen verbreiteten Auffassungen unterschiedlich sind, versteht sich von selbst und war zu erwarten, denn wir sind alle unterschiedliche Persönlichkeiten. Was uns aber vorrangig interessiert, ist, zu untersuchen, welche Mentalitäten und Positionen besser mit dem Evangelium und der Weite unseres orthodoxen Glaubens zu vereinbaren sind.

Ist nicht unser ganzes Leben ein solcher Kampf unserer Unterscheidungsgabe in einer Vielzahl von Fragestellungen?


1) Wir alle haben verspürt, wie gefährdet unsere menschliche Natur ist. Viele von uns hatten das vergessen. Der erstaunliche Fortschritt der ärztlichen Diagnostik, die weiter entwickelten medizinischen und chirurgischen Techniken, die Impfungen und die immer neuen pharmazeutischen Entdeckungen, die Systeme sozialer Fürsorge, die privaten Versicherungen, die Einrichtung des Rentenwesens, die finanziellen Möglichkeiten, erspartes Geld anzulegen, und viele weitere wissenschaftliche, gesellschaftliche und geldwirtschaftliche Errungenschaften haben die Macht, uns zu dem Selbstbetrug zu verleiten, wir seien unverwundbar.

Aber all diese Errungenschaften sind relativ neu. Wenn wir uns die lange Geschichte der Menschheit ansehen, werden wir entdecken, dass die Menschen Jahrhunderte lang den ständigen Wechselfällen des Lebens schutzlos ausgeliefert waren – mit all den Folgen, die das für ihren Seelenzustand gehabt haben mochte.

Eine verständliche Folge dessen war, dass die Christen gehalten waren, ein großes Vertrauen in Gottes Vorsehung zu entwickeln. Das bedeutet nicht, dass die Gläubigen in ferner Vergangenheit uns in geistlicher Hinsicht überlegen gewesen wären. Nein. Stets haben alle möglichen Leiden die Menschen gequält. Dieser Vergleich offenbart uns nur, dass wir gegenwärtig einer ausgeprägten Versuchung zur Selbstgenügsamkeit ausgesetzt sind. Das hat zur Folge, dass wir, wenn sich die bekannten und erwartbaren Bedingungen ändern, unausweichlich mit größerer Wahrscheinlichkeit der Versuchung der Kleingläubigkeit und Verzagtheit erliegen.

Es ist daher wichtig, dass der Ökumenische Patriarch uns an Folgendes erinnert: „Die derzeit wütende, von dem neuen Coronavirus verursachte Pandemie hat gezeigt, wie zerbrechlich der Mensch ist, wie leicht ihn Schrecken und Verzweiflung befallen, wie ohnmächtig seine Kenntnisse und sein Selbstvertrauen sind, wie hinfällig die Meinung ist, der zufolge der Tod ein Ereignis lediglich am Lebensende sei und dass darum das Vergessen oder das Verdrängen des Todes die angemessene Weise sei, sich mit ihm zu befassen ... Es ist schwer, menschlich zu bleiben, wenn wir keine Hoffnung auf die Ewigkeit haben.“2

Das Empfinden, verwundbar zu sein, demütigt uns alle. Darum erzeugt es eine Vielzahl von Reaktionen in unserer Seele. Einige unter uns verdrängen es einfach in dem Glauben, es so überwunden zu haben. Andere unter uns reagieren mit übertriebener Aktivität und dem Anhäufen materieller Güter. Wieder andere lassen sich überwältigen und sind voller Angst. Selig aber sind die, die mitten in ihrer Verwundbarkeit entdecken, dass ihre Hoffnung in Christus liegt.

Diese Hoffnung unterscheidet sich von der menschlichen. Sie ist von anderer Qualität. Die gewöhnliche, anthropozentrische Bedeutung der Hoffnung beruht auf dem Gefühl der Dankbarkeit, das in uns entsteht, wenn die Einschätzung verschiedener Faktoren uns optimistisch stimmt. Kurz gesagt: Im weltlichen Kontext hoffen wir auf das, was uns die Bedingungen erlauben oder ermutigen zu erhoffen. (Die Ärzte hoffen auf einen günstigen Verlauf der Krankheit auf der Grundlage der Befunde, über die sie verfügen. Wir hoffen auf gutes Wetter auf der Grundlage meteorologischer Daten etc.) Es ist also nur natürlich und zulässig, dass wir auf eine wirksame Impfung gegen das Coronavirus hoffen.

Im Gegensatz dazu ergibt sich die christliche Bedeutung der Hoffnung, wie sie der hl. Apostel Paulus entfaltet hat, nicht aus einer objektiven Gegebenheit. Wir hoffen sogar dann noch, wenn sich die äußeren Faktoren in eine Richtung entwickeln, die unserer Hoffnung widerspricht. Ob ein glücklicher Ausgang sich einstellt oder nicht – die Hoffnung in Christus empfiehlt uns eine Hoffnung anderer Art: Wir hoffen, weil Christus der ist, der Er ist. Die Hoffnung der Christen entspringt nicht den Bedingungen der Gegenwart, sondern sie entspringt der Zukunft. Sie entspringt dem, was Christus uns verheißen hat. Unsere Hoffnung ist Er selbst (Kol 1,27; Röm 15,13; 1 Tim 1,1), weil er die Macht hat, die weltliche Zeit in die Zeit der Gottesherrschaft, d. h. in schon verwirklichte Hoffnung zu verwandeln. Diese Hoffnung lässt nicht zuschanden werden (Röm 5,5), im Gegensatz zu derjenigen Hoffnung, die auf Befunden beruht.

In diesem Zusammenhang ist es notwendig, dass wir uns daran erinnern, dass wir alle auch geistlich verwundbar sind und dem Wandel unterliegen. Im geistlichen Leben dürfen wir keinen Zustand als endgültig betrachten. Auf keinen Fall darf die Pandemie im Leib der Kirche Spaltungenzwischen „Gläubigen“ und „Kleingläubigen“, „Geistlichen“ und „Weltlichen“ hervorrufen. Diejenigen, die sich für stark im Glauben halten, sollen sich nicht damit begnügen und sich dessen nicht rühmen. Auch der sich selbst für stark hält, kann erschüttert werden (1 Kor 10,12).

Aber auch das Gegenteil trifft zu. Diejenigen, die sich für kleingläubig halten, mögen sich nicht entmutigen lassen oder in Selbstmitleid versinken. Wie die Geschichte unserer Kirche gezeigt hat, liegen Elend und Größe immer ganz nah beieinander. Wie sehr wir Menschen uns auch gekreuzigt fühlen mögen, wir können mit Christus auferstehen. Was immer geschehen sein mag, wir haben die Möglichkeit, es zu überwinden. Natürlich nicht nur aus eigener Kraft.


2) Die hohe Ansteckungsfähigkeit des Coronavirus (auch bereits bevor die Infizierten Symptome zeigen oder ohne dass überhaupt Symptome auftreten) ist eine Herausforderung für das Verantwortungsbewusstsein aller Bürger. Die Wissenschaftler haben uns dabei geholfen, zu verstehen, dass wir durch Unachtsamkeit Gefahr laufen, ahnungslose Mitmenschen anzustecken, und das nicht erst, wenn wir schon erkrankt sind, sondern auch bereits dann, wenn wir nur Träger des Virus sind. Auf diese Weise stellt die Pandemie die vor allem in der westlichen Zivilisation weit verbreitete Kultur des Individualismus, die das Individuum gegenüber dem Kollektiv bevorzugt, auf den Prüfstand. Gefragt ist eine neue Solidarität, wie es sie bisher nicht gab.

Es ist leicht, mit jemandem solidarisch zu sein, der mir gegenübersteht, den ich sehe. Die Herausforderung für uns als Bürgerinnen und Bürger besteht aber darin, mit denen solidarisch zu sein, die wir nicht sehen, die aber Glieder des gesellschaftlichen Leibes sind.

Allerdings ist die Herausforderung für uns Gläubige, wie wir sie verstehen, noch viel anspruchsvoller. Was von uns als Gläubigen erwartet wird, verlangt nicht nur das menschliche Gesetz, sondern Christus selbst.

Wir haben schon lange die traditionelle Gesellschaft hinter uns gelassen, in welcher der Grad der Beteiligung der Individuen an den gesellschaftlichen Bereichen (Wirtschaft, Politik, natürliche Umwelt etc.) gering war. In der modernen und der postmodernen Zeit hat jede Lebenseinstellung, politische Handlung, Konsumentscheidung, Wahl der Lebensweise u. ä. das Potenzial, multiplikatorische Wirkung und unabsehbare Reichweite zu erlangen. Infolgedessen bemisst sich heutzutage die gesellschaftliche Moral an dem Ausmaß, in dem jemand zum Nutzen von Menschen handelt, die er nicht kennt und denen er womöglich niemals begegnen wird!

Es erscheint uns sonderbar, einigen unter uns sogar ungerecht, sorglose junge Menschen, die sich des Lebens freuen, aber auch gewissenhafte Eltern als solche anzusehen, die potenziell eine tödliche Gefahr für andere darstellen. Als erste Reaktion leuchtet das ein. Niemand von uns hat sich daran gewöhnt, so zu denken. Wie können wir motiviert werden, das Notwendige zu tun, wenn wir selbst niemals die Folgen unseres Handelns erkennen werden?

Es bedurfte dieser jähen Entwicklungen und der weltweiten Mobilisierung angesichts des Coronavirus, dass wir überzeugt werden (und wir sind es immer noch nicht alle!), dass der Tod, den wir – gewiss gegen unseren Willen – möglicherweise verbreiten, unabhängig von unserem guten Herzen und unserem sympathischen Charakter wirksam ist. Der Dichter Giorgos Seferis hat uns diesen machtvollen Vers hinterlassen, der uns an eine unangenehme Wahrheit erinnert: Den Fremden und den Feind sahen wir im Spiegel …3

Aber auch den Freund! Diese komplizierte gegenseitige Beeinflussung, die wir Menschen unserer Zeit aufeinander ausüben, hat auch erhabene Momente menschlicher Solidarität hervorgebracht. Viele unserer Mitmenschen habe uns angenehm überrascht. Wiederum ist es der Patriarch, der unser Selbstverständnis zum Ausdruck bringt, wenn er schreibt: „Mitten in dieser unsäglichen Krise verströmen sie den Wohlgeruch der Auferstehung und der Hoffnung. Sie sind die ‚guten Samariter‘, die unter Einsatz ihres Lebens Öl und Wein auf die Wunden gießen. Sie sind die modernen ‚Kyrenäer‘ auf dem Golgotha derer, die in Krankheit darnieder liegen.“4 Unser aller Dankbarkeit möge sich in unserem Gebet für sie und in der Verantwortung für die übrigen niederschlagen.


3) Die grassierende Pandemie hat uns daran erinnert, dass der Mensch gewordene Gott gekommen ist, die Definition der Macht zu verwandeln. Christus hat das, mit Worten und Taten, auf eine Weise getan, die eindrucksvoller nicht hätte sein können (Lk 22,24-28). Er hat es nicht als Übel bezeichnet, dass wir Macht erstreben. Vielmehr hat er das, was Macht bedeutet, verändert.

Als christliche Bürger und als Christen haben wir das Recht und die Pflicht, Forderungen zu stellen und zu protestieren, wenn die Kirche bekämpft oder nicht berücksichtigt wird. Wir müssen uns aber immer dessen bewusst sein, dass wir keine Gruppe sind, die eine andere Gruppe im Kampf besiegen müsste. Nicht Menschen sind unsere Feinde, sondern nur der Teufel ist unser Feind.

Da die ganze Menschheit zum Leib Christi gehört, ist jedes Gute, das den Menschen zuteil wird, dem Gläubigen Anlass zur Freude. Wir sehen in den Evangelien, dass Christus die erlösenden Taten des göttlichen Heilshandelns vollzieht, wenn er sich erniedrigt und seine Herrlichkeit verbirgt. Die Mahnung des Apostels Paulus, „sich nicht selbst zu gefallen“ (vgl. Röm 15,1-3), beschreibt eine Gefahr für jeden von uns individuell, aber auch für den Leib der Gläubigen als ganzen.

Metropolit Amvrosios von Korea hat uns mit einer theologisch fundierten Mahnung inspiriert: „Christus ist nicht der zweiten Versuchung erlegen, seine Macht zu zeigen … Die Macht der Kirche wird erscheinen, wenn ihre Kinder aus Verantwortung für die Gesundheit der Welt in dieser kritischen Zeit nicht zur Kirche gehen, sondern im Gebet zu Hause bleiben. Gibt es ein eindrucksvolleres Bild als das, die Glieder einer ganzen Familie kniend für das Heil der ganzen Welt beten zu sehen? Die Macht der … Kirche wird sich daran messen lassen, wie viele „Hausgemeinden“ es in jeder Pfarrei gibt … Die Macht der Kirche wird sichtbar werden, wenn es Gläubige gibt, die sich danach sehnen, in der Großen Fastenzeit, aber nicht nur dann, häufig die Allreinen Mysterien < d.h. die heilige Kommunion> zu empfangen, aber aus Liebe zur Gemeinschaft den Verzicht darauf geduldig ertragen.“5 Die Liebe verwandelt den Verzicht in einen Strom des Überflusses!

Diejenigen, die diese andersartige, asketische, aber zugleich anrührende Logik beherzigen, bewähren sich als Söhne und Töchter der in Christus geschenkten Freiheit. Sie verzichten, aber sie leiden nicht, weil sie aus Liebe verzichten. Durch das Motiv der opferbereiten Fürsorge für den unbekannten Mitmenschen werden sie zu solchen, „die nichts haben und doch alles besitzen“ (2 Kor 6,10). Indem sie gezwungenermaßen und unter Schmerzen der Göttlichen Liturgie fernbleiben, verwandeln sie ihr Herz in einen Altar. Vater Vasilios Gontikakis drückt es so aus: „Das, was sie vereint, ist die Freiheit des Geistes. Sie sind frei von Eigenwillen, frei von sich selbst.“6

Wenn das Opfer nicht durch Liebe begründet ist, wird es nur als Bedrohung und Verletzung erfahren. In diesem seelischen Zustand gedeihen die Furcht, die Angst, die Bitterkeit und der Groll. Schicksalsschläge wie diese offenbaren, wie eng die Liebe und die Wahrheit miteinander verbunden sind. „Darum ist das Wahre ruhig und gelassen…. Es wirkt, wacht ‚mit unaussprechlichem Seufzen‘ und fürchtet keine Verschwörung gegen sich. … Und das ist das wahrhaft Tröstliche: die Kraft, jeden Schmerz zu ertragen, alles, was schwierig ist, zu verstehen und alles, was unbegreiflich ist, in Hoffnung zu ertragen“.7


4) Zweifellos ist die Sehnsucht unserer Gläubigen, häufig zu kommunizieren, lobenswert. Wir nehmen den Verzicht auf die Heilige Kommunion mit all dem begleitenden Schmerz und Zweifel zum Anlass, über jene göttlichen Gaben, denen wir uns in einer lange währenden Gewohnheit entfremdet hatten, nachzudenken. Vor uns öffnen sich unerwartet Horizonte orthodoxer Theologie, die verborgen geblieben waren. Es handelt sich um das vergessene Priestertum der Laien in der Kirche.

Der große Theologe Vater George Florovsky macht sich Gedanken über den Sinn des aus Liebe geschehenden Opfers und schreibt: „‘Ein Opfer bringen‘ bedeutet nicht einfach nur ‚opfern‘. Auch wenn wir nur die moralische Seite bedenken - der Sinn des ‚Opfers‘ liegt nicht in irgendeiner ‚Selbstverleugnung‘ oder ‚Leugnung‘, sondern in der Kraft der Liebe, mit der das Opfer dargebracht wird. Das Opfer ist … Widmung, Gabe, Geschenk … Aber die Darbringung des Opfers ist noch mehr als ein Zeugnis der Liebe, sie ist eine priesterliche Handlung“.8

Mit anderen Worten: Dass wir auf unseren Gottesdienst verzichten, nur weil wir den Gesetzen gehorchen, beinhaltet noch nichts von der großartigen Dynamik des Opfers. Für den Fall, dass wir auf solche Weise unfreiwillig geprüft werden, rät Basilius d. Gr., das Auferlegte gutzuheißen („Tut das Erzwungene aus freiem Willen!“9), so dass wir es in ein bewusstes Opfer priesterlichen Gehalts verwandeln. Unser Herz ist aufgerufen, dem Verzicht einen neuen Inhalt zu geben.

Die erstaunliche Weite und Scharfsichtigkeit unserer Kirchenväter erkennt das uns mit dem Myronsalbung, also der Firmung, zugleich verliehene Priestertum, wenn wir uns dem Gebet, dem Kampf mit den schlechten Leidenschaften, der tätigen Liebe, der Einheit und der Vergebung widmen. Im Ausüben dieser Tugenden vollzieht der Mensch seinen priesterlichen Dienst und tritt in Gemeinschaft mit Christus!

Denn durch das heilige Myron-Öl, mit dem die Kirche uns nach der Taufe gesalbt hat, wurde jeder Gläubige zum einen zum Glied des Leibes des Hohenpriesters Christus und zum zweiten zum Altartisch, als Tempel des Heiligen Geistes geweiht. Infolgedessen ahmt er in Ausübung seiner Tugenden den Herrn nach, der zugleich „der Darbringende und der Dargebrachte“ ist.10

Es versteht sich, dass das Priestertum der Laien ohne die Teilnahme an der Göttlichen Eucharistie unvollständig ist. Aber in besonderen Situationen wie der, die wir erlebt haben und noch erleben, ist es von großer Bedeutung, dass wir uns nicht als passive Untertanen des Staates und als nicht Ernst genommene Glieder der Kirche empfinden. Es ist lebensnotwendig und erforderlich, dass wir auf die beschriebene Art und Weise in uns die göttlichen Gaben wiederbeleben.

Der große Vater des 20. Jahrhunderts, der hl. Sophronij (Sacharov) hat das oben Gesagte so zusammengefasst: „Man kann Träger der Gnade des ‚königlichen Priestertums‘ sein, ohne zum Priester geweiht zu sein. Das innere Wesen dieses Priestertums liegt im Gebet für die ganze Welt (Jo 13,15) nach dem ‚Vorbild‘ des Herrn selbst.“11


Wir fassen zusammen:

Die geistliche Auseinandersetzung mit der Pandemie hat zur Folge, dass diese unsere Herzen nicht mehr wie ein plötzliches Unglück oder ein Angriff des Teufels belastet. Die angemessene Reaktion ist die, dass wir mit Hilfe der Gnade Gottes dieses Aufscheinen „der Verderbnis der menschlichen Natur“ in einen Sieg des Glaubens, eine Vertiefung unserer Frömmigkeit und einen Triumph der Einheit verwandeln.

Besonders was die ersehnte Einheit anbelangt: Was hilft es, wenn wir uns über die Entbehrung der Göttlichen Kommunion beklagen, während wir uns gleichzeitig leidenschaftlich von anderen Geschwistern abgrenzen, die diese Ansicht nicht mit uns teilen? Offenbar vergessen wir bisweilen, dass wir in der Göttlichen Liturgie nach der Heiligung der eucharistischen Gaben Gott, den Vater, darum bitten, uns untereinander die Einheit zu schenken.12 Unser kämpferisches Eintreten für die Kirche verliert seinen Wert (richtet manchmal sogar Schaden an), wenn es nicht vom Geist der gesegneten Einheit durchdrungen ist.

Oder was für einen Sinn hat es, zu leiden und gleichzeitig zu protestieren, die verhängten Verbote hätten uns nicht erlaubt, Ostern zu feiern, „wie es die griechischen Traditionen von uns verlangen“, und dabei in erster Linie an die Prozession zur Grablegung Christi, das Feuerwerk zur Verkündigung der Osterbotschaft, das gemeinsame Osteressen mit Verwandten und Freunden, an den Tanz und die übrigen Bräuche denken, wenn wir nur selten zur Kirche gehen und nur selten kommunizieren? In diesem Fall sind wir nur kulturell, also nur äußerlich, orthodox, während uns die Wesentliche des wunderbaren Erbes, dessen wir gewürdigt wurden, entgeht.

Da wir überrascht wurden von der bedrückenden Leere unserer Gotteshäuser und unserer Seelen, da die merkwürdige Trauer, die wir in unseren Kirchen erlebt haben, uns wachgerüttelt hat, mögen die vergossenen Tränen unsere Augen reinigen. Dann können wir wieder unser himmlisches Vaterland wahrnehmen, aus dem wir möglicherweise, ohne es zu ahnen, verbannt waren, sei es als Individuen, sei es kollektiv als kirchlicher Leib.

Für den Christen ist das Vaterland eine Lebensweise, kein Ort. „Die Schwierigkeiten und Hindernisse des geistlichen Lebens führen uns an den Ort der Unvergänglichkeit … Alles, ob es nun widrig ist oder bestärkt, trägt zum Kommen des Einen, des Wahren bei, ob wir es wollen oder nicht, mittelbar oder unmittelbar … Darum ist das Wahre ruhig und gelassen … Es wirkt bis jetzt und lässt uns alles zum Guten gereichen, auch wenn es uns auf den ersten Blick zerstörerisch scheint … Gott zeigt sich als ein freies Leben. Als etwas, was jenseits jeder Auseinandersetzung liegt … Das Wahre kann prinzipiell nur aufgehen und wachsen … Nur das Falsche verschwindet und verwelkt.“13

Die Pandemie hat uns in einen lange währenden Prozess geführt, dessen Ende noch nicht abzusehen ist. Wir müssen noch viel arbeiten und beten, damit dieser Prozess zu einem guten Ende führt, so dass einmal die Zeit kommen wird, in der unsere Kinder und Enkel diese Pandemie als eine Wohltat betrachten werden.

In einem bedeutenden Roman stirbt die Hauptperson, ein katholischer Priester, relativ jung. Er hatte nach der Kommunion verlangt, aber sein Leben begann zu erlöschen, noch bevor der Priester mit den Heiligen Sakramenten eingetroffen war. Als der, welcher dem Sterbenden in seinen letzten Augenblicken beistand, seine Trauer darüber zum Ausdruck brachte, dass er sterben würde, ohne kommuniziert zu haben, flüsterte der zum Sterben bereite Priester ihm zu: „Alles ist Gnade.“14

Alles, also sowohl das, was wir – auch gegen Widerstände - anstreben müssen, als auch das, was uns trifft, ohne dass wir es gewollt hätten, sogar wenn es dem Guten hinderlich ist. Wie es Ihr Oberhirte so wunderbar gesagt hat: „Unser Leben wird nach der Krise ein anderes sein, sofern wir das Leben der Hoffnungslosigkeit, der Isolation und der Schwäche aufgeben.“ Warum? Etwa weil wir bis dahin der Bedrohung unserer Gesundheit entronnen wären? Nein, sondern wie Metropolit Augoustinos fortfährt, weil die Pandemie einen „Gewinn“ bewirkt hat, „die Wiederentdeckung des Glaubens an Jesus Christus.“15



1. Römer 8,28

2. Osterbotschaft des Ökumenischen Patriarchen, 2020

3. Mythistorima, D: Argonauten

4. Osterbotschaft des Ökumenischen Patriarchen, 2020

5. Metropolit Amvrosios von Korea, Die Macht der Kirche (griech.). In: „Zeit, zu handeln: Die Orthodoxie angesichts der Corona-Pandemie“, hrsg. v. Nikolaos Asproulis – Nathanael Wood. Volos 2020, S. 89-91

6. Archimandrit Vasilios Gontikakis, Isodikon. 1974. S. 174

7. A. a. O., S. 180

8. George Florovsky, Anatomie der Probleme des Glaubens. Griechische Ausgabe 1977. S. 71

9. 18. Homilie auf den Märtyrer Gordios, 8

10. Gebet zum Cherubimhymnus der Göttlichen Liturgie

11. Vater Sofronij Sacharov, Wir werden Gott schauen, wie er ist. Griechische Ausgabe 1992. S. 370

12. Göttliche Liturgie des hl. Basilius d. Gr.

13. Isodikon, Ss. 178 -183

14. George Bernanos, Tagebuch eines Landpfarrers. Griechische Ausgabe Athen 2017. S. 338

15. Osterbotschaft des Metropoliten Augoustinos v. Deutschland, 2020